Zahlenspiele mit Roma

22. August 2008, 18:46
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Italien zählt die in Siedlungen lebenden Roma - um zu helfen, sagt die Regierung, um sie abzuschieben, sagen die Roma - NGOs halten die Aktion für sinnlos

Rom/Neapel - Anna-Maria, die füllige Mama, sitzt auf ihrer Veranda und schimpft. Ihre hübsche Tochter Lela (17) lächelt schüchtern und spricht wenig, während sie den Boden fegt. Nicola, der Sohn, ist ein italienischer Feschak, der unentwegt redet. Er ist keine 25, aber mit seinem offenen Polo-Shirt und den schwarzen Haaren schon der Schreck aller Schwiegermütter. Nur die Autos, die im Sekundentakt über der Veranda hinwegrattern, passen nicht ins Klischee.

Das Häuschen der Familie steht unter einer Autobahnbrücke. "Ein besseres Grundstück gab es nicht", sagt Nicola. An die vorbeidonnernden Autos habe er sich gewöhnt. Schlimm sei nur, wenn jemand auf dem Pannenstreifen stehen bleibt, "Scheiß Zigeuner" brüllt und eine Flasche herunterwirft. "Die landet dann in meinem Garten", schimpft er.

Das Haus unter der Brücke steht in der "Via-Del-Boiardo", einer heruntergekommenen Roma-Siedlung am Rande einer Ausfallstraße im Norden Roms. Am frühen Abend war eine Wagenkolonne des Roten Kreuzes in der Siedlung vorgefahren. Die Rot-Kreuz-Leute stellten einen Klapptisch und Sessel auf, sortierten Registrierungsformulare. Es waren Szenen, wie sie sich den Sommer über in Rom, Mailand, Neapel und Turin abspielten: Italien registriert seine Roma. Überall im Land werden in den unzähligen Camps Alter, Geburtsort, Familienstand und Staatsbürgerschaft erhoben. Die Roma werden fotografiert, registriert, gezählt. In Rom führt das Rote Kreuz die Zählungen durch.

András Szigetvari

Zigtausende Menschen wurden bereits registriert. Ende Mai hatte die italienische Regierung den Roma-Notstand in mehreren Regionen erklärt. Sie ernannte Sondergesandte, gab ihnen Befugnisse, illegale Lager zu schließen oder zu genehmigen, Personen ohne Papiere verhaften und ausweisen zu lassen. Kurz: Recht und Ordnung wieder herzustellen. Die Roma als Sicherheitsproblem, nicht als soziales.

Die Gesandten sollten auch die Zählungen durchführen. Als Innenminister Roberto Maroni vorschlug, dabei auch die Fingerabdrücke aller Roma, also auch von Kindern, zu nehmen, folgte der Aufschrei. Europarat, EU-Parlament, UNO, der Vatikan protestierten. Maroni reagierte, Fingerabdrücke werden nicht genommen. Italienische Politologen betonen unisono: Die Roma-Politik Berlusconis unterscheidet sich kaum von jener seines linken Vorgängers.

Viktória Mohácsi, eine von zwei Roma-stämmigen EU-Parlamentarierinnen, spricht von einer "Nazi-Stimmung" in Italien, einer "faschistische Welle", die es aufzuhalten gelte. Die Registrierungen, das erinnert sie an die "erkennungsdienstliche Behandlung in der NS-Zeit", sagt sie. Aber warum überhaupt all dieser Wirbel?

Begonnen hatte alles in Ponticelli, einem Vorort Neapels. Im Mai ging dort das Gerücht um, eine Roma aus Rumänien habe versucht, einen italienischen Säugling zu stehlen. Ein Mob zog zum Roma-Lager Ponticelli, warf Molotowcocktails. Damit entdeckten die italienischen Medien, die Politik, das Roma-Thema wieder einmal für sich. Die Verdächtigungen richteten sich vor allem gegen die angeblich neuerdings zu Tausenden aus Rumänien eingewanderten Roma.

"Und um zu zeigen, dass sie nicht tatenlos zusieht, hat die Regierung die Zählung angeordnet", sagt Anna Luisa Lomgo. Sie vertritt Opera Nomadi, den größten Roma-Verband Italiens. Die ganze Sache sei unnötig, die Behörden wüssten genau über die Roma-Camps - allein um Rom gibt es 100- Bescheid. Dass nun so viel Aufhebens um die rumänischen Roma gemacht wird, verwundert sie: 160.000 Roma lebten in Italien. Die Hälfte von ihnen ist eingewandert. Aber die meisten kamen in den 70ern aus Jugoslawien. Die Rumänen machten nur eine kleine Gruppe aus. Über das entführte Baby sagt Luisa Lomgo nur eines: "Warum sollte eine Roma ein Kind stehlen? Sie haben doch selbst genug."

Vincenzo Panico muss es genauer wissen. Der Vize-Präfekt Neapels, und damit Statthalter Roms, residiert im feudalen Palazzo della Foresteria, im Zentrum der Stadt.

"Die Sache mit dem Baby", sagt er, "wurde nie aufgeklärt." Die Polizei zweifelt, ob der Vorfall tatsächlich stattfand. Neapel sei nicht rassistischer als andere Orte, sagt Panico. Die Menschen störe, dass die Roma-Lager schäbig sind, dann die Geschichte mit dem Baby, das führte zur Explosion. Panico spricht viel davon, dass die Regierung die Roma nun besser integrieren wolle, man sie dazu bringen will, ihre Kinder in die Schule zu schicken.

In der Roma-Siedlung von Caivano bei Neapel, wo der Müll noch immer zwischen Plattenbauten vor sich hin fault, ist davon wenig zu merken. Die Präfektur hat einige Beamte hierhergeschickt - zum Zählen. Die Siedlung von Caivano sieht weniger desolat aus als andere, sie wurde 2005 errichtet, um den Roma aus Neapel ein Dach über dem Kopf zu bieten. Die Stimmung bei der Zählung ist gereizt. "Wozu das Ganze", fahren mehrere Männer Gianfranco, einen Vertreter der Präfektur, an. Er will beruhigen: "Wir zählen euch, um zu wissen, was ihr braucht."

Weil der Strom vor ein paar Tagen wegen unbezahlter Rechnungen abgedreht wurde, verspricht er auch, ihn wieder anzudrehen. Schließlich willigen die meisten ein und stellen sich zur Zählung an. Dann geht ein Mann zu Gianfranco: "Ihr registriert uns, um uns abzuschieben", sagt er. "Keine Angst", antwortet Gianfranco, "hätten wir das gewollt, wir hätten euch längst rausgeworfen." (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2008)

  • Zählung trotz Kritik: Berlusconi.
    Foto: AP/Michel Spingler

    Zählung trotz Kritik: Berlusconi.

  • 160.000 Roma leben in Italien. Die Hälfte von ihnen ist eingewandert,
viele leben in verarmten Siedlungen am Rande der Großstädte. Dort wird
nun gezählt.
    Foto: Reuters/Max Rossi

    160.000 Roma leben in Italien. Die Hälfte von ihnen ist eingewandert, viele leben in verarmten Siedlungen am Rande der Großstädte. Dort wird nun gezählt.

  •  Zur Aufarbeitung: Kinder in Neapel malten den Angriff auf die Roma.
    Foto: EPA

    Zur Aufarbeitung: Kinder in Neapel malten den Angriff auf die Roma.

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