"Meine Sympathien sind bei den Verlierern"

22. August 2008, 18:49
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    apa

    Sigi Bergmann (li.) hat über seinen Freund Hans Orsolics sogar ein Buch geschrieben. "Der Hans ist ein Phänomen", sagt er. "1974 hat er aufgehört, heute noch reden sie ihn auf der Straße an."

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    Federgewicht, Halbfinale: Aserbaidschans Schahin Imranow (links) verliert gegen Frankreichs Khedafi Djelkhir.

Für Reporter-Legende Sigi Bergmann spielt es in Peking, wo man "auch Angst kriegen könnte", zum 19. Mal Olympia - Der 70-Jährige im Interview

Für Reporter-Legende Sigi Bergmann spielt es in Peking, wo man "auch Angst kriegen könnte", zum 19. Mal Olympia. Dem "Sport am Montag" trauert er nicht nach. Er hängt am Boxen, an der Oper.

STANDARD: Peking sind Ihre neunten Sommerspiele, zehn Winterspiele kommen dazu. Wo reiht sich Peking da ein? War es gut oder schlecht, die Spiele an eine kommunistische Diktatur zu vergeben?

Bergmann: Es ist alles perfekt organisiert und inszeniert, das hat bei der Eröffnungsfeier begonnen und zieht sich durch. So perfekt, dass man auch Angst bekommen könnte. Wenn ich mir das System wegdenke, muss ich sagen, die Menschen hier sind freundlich, höflich, nett. Aber natürlich kann ich mir das System nicht wegdenken. Es war naiv zu glauben, dass sich in China im Bereich der Menschenrechte etwas ändert.

STANDARD: Was spielt es für Sie lieber, Sommer oder Winter?

Bergmann: Schwer zu sagen. Das österreichische Publikum ist natürlich mehr am Winter interessiert. Aber seien wir uns ehrlich, im alpinen Skisport sind sechs Nationen unterwegs. Da ist der Sommer doch viel weitläufiger.

STANDARD: Und doch, was man sich vor allem gemerkt hat vom Kommentator Bergmann, sind die Rodel-Übertragungen aus Albertville '92. Ich zitiere: Viel Glück, Andrea Tagwerker. Der Wimpernschlag einer Libelle. Der Modellathlet aus Mieders im Stubaital. Das Pratzeln.

Bergmann: Dabei würd's ja eigentlich Tatzeln heißen. Im Prinzip ist Rodeln sehr schwer zu übertragen, man sieht ja relativ wenig Unterschiede. Man muss das Rodeln verbal verschärfen. Es ist in einem Land der Skifahrer ja generell eine Metapher für Nichtskifahrenkönnen. Zu einem, der mit Skiern nichts zuwege bringt, sagt man, er soll rodeln gehen.

STANDARD: Sind nicht Eiskanäle eine unzeitgemäße, unökologische Perversion? Jetzt wird wohl für Sotschi 2014 wieder einer errichtet.

Bergmann: Als Kunstbahnrodeln olympisch wurde, hatte man den Weitblick nicht. Und dass man daraus lernt? Schau, ich bin ja an und für sich Historiker, hab in Geschichte meinen Doktor gemacht. In der ersten Vorlesung fragt uns der Professor, wieso wir Geschichte studieren. Sagt eine Studentin, sie will die Fehler der Vergangenheit vermeiden. Sagt der Professor, da ist sie fehl am Platz, denn in tausenden Jahren hat der Mensch nie aus seinen Fehlern gelernt.

STANDARD: Kritiker haben Sie als Samtpfote bezeichnet und Ihnen vorgeworfen, Ihnen würde die kritische Distanz fehlen.

Bergmann: Meine Sympathien waren und sind immer bei den Kleinen, bei denen, die nicht so wichtig waren, bei den Verlierern. Mir sind alle Sportler ans Herz gewachsen. Das mit der Samtpfote hat wehgetan. Aber es stimmt, ich war und bin mit vielen Sportlern befreundet. Viele bedanken sich für siebzehn Jahre "Sport am Montag".

STANDARD: Tatsächlich trauern viele der Sendung nach. Sie auch?

Bergmann: Ich nicht. Jede Zeit hat ihre Sendungen. Wir haben halt 1975 damit begonnen, etwas aufzubauen, was es damals so noch nicht gegeben hat. Wir haben Hintergründe gebracht, uns bewusst bemüht, Sport für die Frauen interessant zu machen. Wir sind weggegangen von Metern und Sekunden. Was die Aktualität betrifft, waren wir natürlich Zweiter.

STANDARD: Müsste es nicht längst zur Renaissance dieser Herangehensweise kommen? Schließlich ist das Fernsehen generell oft Zweiter, die Zeitung sowieso. Aber immer noch geht's um Resultate und darum, was Sportler dazu sagen.

Bergmann: Du musst dich als Reporter den Wünschen des Publikums anpassen. Aber das Hintergründige, Persönliche ist wichtig, wird wieder wichtiger. Man will nicht nur wissen, wie jemand hinter seinem Sturzhelm ausschaut, man will mehr wissen.

STANDARD: Woher kommt Ihre große Liebe zum Boxen?

Bergmann: Ich hab' selbst an der Uni geboxt. Das Boxen hat eine ganz eigene Faszination, gewissermaßen eine Urdramaturgie. Das hat es immer gegeben, zwei halbnackte Männer, die auf einer Bühne kämpfen, um Nahrung, um eine Frau, um Geld, um was weiß ich. Kein Wunder, dass das Boxen so viele Schriftsteller angezogen hat: Jack London, Hemingway, Wolf Wondratschek. Das Boxen erzählt die tollsten Geschichten.

STANDARD: Im Zusammenhang mit Boxen ist oft von der Halbwelt, wenn nicht Unterwelt die Rede.

Bergmann: Zugegeben, auch das Halbweltmilieu bei den Boxern gefällt mir. Ich brauche auch keinen Boxer, der Shakespeare-Sonetten aufsagt, und auch keinen Schauspieler, der boxen kann. Aber im Ring müssen sich alle an Regeln halten. Ich mit meinen dünnen Händen konnte da Typen bezwingen, die mich im Wirtshaus aus dem Fenster geworfen hätten.

STANDARD: Ihre Freundschaft mit Hans Orsolics beruht auch darauf, dass er oft als Verlierer dagestanden ist, der ja auch selbst sein "patschertes Leben" besang?

Bergmann: Der Hans war und ist ein Phänomen. 1974 hat er zum letzten Mal geboxt, heute noch sprechen ihn die Leute auf der Straße an. Er war Nummer eins der Weltrangliste und der Ö3-Hitparade. Wahrscheinlich kommt seine Geschichte noch auf die Bühne, Franzobel soll ein Stück fürs Akademietheater schreiben.

STANDARD: Ängstliche Frage: Kann man als Sportjournalist nie in Pension gehen?

Bergmann: Wenn's eine Berufung ist, wohl nicht. Ich gehe das Tempo mit, das Menschen vorgeben, die meine Söhne sein könnten. Das hält jung. Dabei wollte ich Opernsänger werden. Die Oper ist eine große Leidenschaft geblieben, heuer hab ich allein viermal den "Siegfried" gesehen, auf dem Stehplatz klarerweise. Sonst würde mich meine Leidenschaft arm machen. (Fritz Neumann/DER STANDARD; Printausgabe, 23./24.8.2008)

ZUR PERSON:

Sigi Bergmann (70), bis 2000 beim ORF angestellt, seitdem als freier Journalist tätig. Verheiratet, zwei Töchter, fünf Enkelkinder.

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Posting 1 bis 25 von 48
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Hofer, Andreas
00
10.9.2008, 19:05
"Meine Sympathien sind bei den Verlierern" was bleicbt einem auch anders übrig, wenn man mit den Österreichern fiebert.

PONR
00
31.8.2008, 16:32

sigi rules!!!

Nnnn Nnnn1
11
26.8.2008, 15:59
"Meine Sympathien sind bei den Verlierern" - klar, was bleibt auch übrig, denn es gab ja eh keine Ösi Goldfmedaillen ... :-)

Krampen
00
27.8.2008, 00:29

gosch wenn keine ahnung hast wovon geredet wird

Hofer, Andreas
00
10.9.2008, 19:09
Fakt ist, dass es kein einziger Österreicher trotz immenser finanzieller Mittel geschfft hat einen Olympiasieg zu erreichen. D.h. das nicht nur jeder einzelne Sportler es nicht geschafft hat, sondern das Sportsubvensionssytem der Republik mit dem

Hopffiren der Sportler falsch ist. 'Schweiss statt Millionen' müsste es in Zukunft heissen.

Krampen
00
11.9.2008, 02:49

ich glaub die schwitzen schon gut. der rogan hat auch alles erreicht was geht, kate allen bei der olympiade davor, segeln/schießen gibts auch immer wieder medaillien...

die einzigen im sport in österreich wirklich zu viel geld für ihre leistung bekommen (obwohl die auch viel trainieren) sind die fußballer...

Nnnn Nnnn1
00
Der 'Krampen' IQ hat ein negatives Vorzeichen.

Krampen
00

... und trotzdem ist er weit über dem von Nnnn Nnnn1

Oberserver
11
24.8.2008, 10:35
Kein Nachwuchs im ORF ?

Es ist schon blambel wenn der ORF einen 70-jährigen, obendrein gesundeitlich schwer angschlagnen Mann, erst "exhumieren" lassen muss um den Boxport kommentieren zu lassen.

Gibt es im ORF keine jungen und boxsachverständigen Journalisten??

axee
00
24.8.2008, 00:13
Blumiger Plauderer

"Bergmann kommentiert im Stil eines Platzsprechers beim Blummenschmuckwettbewerb... mit leiser Stimme und sanften Worten...viel gemütlicheres als Sigi Bergmann im O-Ton hat der ORF nicht zu bieten."
(Rosemarie Schwaiger im profil)

oxizes
00
23.8.2008, 20:18
Was ist ein tausendstel

gegen die Weltgeschichte. Zitat Sigi.

LargoLaGrande
11
23.8.2008, 16:24

würd den ORF enorm aufwerten, würd der Bergmann mehr kommentieren. Er hat vor allem noch Stil, was man bei all den Pariaseks vergeblich sucht...

Krampen
00
27.8.2008, 00:30

auf jeden fall.. der pariasek ist unter jeder kritik

Undergroundwooddesinger
 
00
23.8.2008, 14:11
Die zwa

San dicke Habara !

DPfand
20
23.8.2008, 14:08
"Meine Sympathien

sind bei den Verlierern."

Sehr heimatliebend! Passt scho, Sigi. ;-)

geh gaxi
12
23.8.2008, 13:46
sigi bergmann

toller mensch, unkonventionell, emotional berührend.
danke.

da dude
02
23.8.2008, 13:30

Sigi Bergmann ist wirklich top.

El_Turko
03
23.8.2008, 11:22
in 2 jahren bitte wieder!

dechsundfFÜNFZIG TAUSendstl!

stuntman mike
 
06
23.8.2008, 09:46

SIGI BERGMANN =KULT

vielleicht noch MEHR ALS HEINZ PRÜLLER, und was nachkommt da schlafen einem die füsse ein (pariasek könig...)

auch dass ers manchmal net so genau nimmt mit biografien und der wahrheit liebe ich an seinen kommentaren

mit abstand der unterhaltsamste von allen orf kasperln in peking

Protagoras v. Abdera
01
23.8.2008, 11:17
Sigi Bergmann ist vor allem menschlich und entzieht sich den medialen Inszenierungstrends seiner jungen Kollegen, für die alles heroisch, weltklasse und spektakulär sein muß.

ariel seligman
00
23.8.2008, 17:07

spektakulär ist schon ok. was ich nicht abkann ist die wiener (ö3) coolheit die ganz und gar uncool ist weil so offensichtlich fake.

Most Schedl
14
23.8.2008, 04:32
Sport am Montag

war die letzte Sportsendung, die ich mir bewusst angesehen habe. War einfach gut und man hat gemerkt, dass der Sigi mit Interesse und Herzblut dabei ist.

Und heute, Pariasek und Assinger? blablablabla. Oder Fussball mit Prohaska? Da schalt' ich lieber aus.

Heilige Hostie
01
23.8.2008, 02:13
OLEOLE

sigi!
herrlich. ein unikat!

hellsbells
03
22.8.2008, 23:59
Sigi und Heinz

Die werden uns irgendwann abgehen... auch wenn man sie nicht mag.

Karl Joda
123
22.8.2008, 23:41

Schickt ihn endlich in Pension !

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