"Meine Sympathien sind bei den Verlierern"

22. August 2008, 18:49
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Für Reporter-Legende Sigi Bergmann spielt es in Peking, wo man "auch Angst kriegen könnte", zum 19. Mal Olympia - Der 70-Jährige im Interview

Für Reporter-Legende Sigi Bergmann spielt es in Peking, wo man "auch Angst kriegen könnte", zum 19. Mal Olympia. Dem "Sport am Montag" trauert er nicht nach. Er hängt am Boxen, an der Oper.

STANDARD: Peking sind Ihre neunten Sommerspiele, zehn Winterspiele kommen dazu. Wo reiht sich Peking da ein? War es gut oder schlecht, die Spiele an eine kommunistische Diktatur zu vergeben?

Bergmann: Es ist alles perfekt organisiert und inszeniert, das hat bei der Eröffnungsfeier begonnen und zieht sich durch. So perfekt, dass man auch Angst bekommen könnte. Wenn ich mir das System wegdenke, muss ich sagen, die Menschen hier sind freundlich, höflich, nett. Aber natürlich kann ich mir das System nicht wegdenken. Es war naiv zu glauben, dass sich in China im Bereich der Menschenrechte etwas ändert.

STANDARD: Was spielt es für Sie lieber, Sommer oder Winter?

Bergmann: Schwer zu sagen. Das österreichische Publikum ist natürlich mehr am Winter interessiert. Aber seien wir uns ehrlich, im alpinen Skisport sind sechs Nationen unterwegs. Da ist der Sommer doch viel weitläufiger.

STANDARD: Und doch, was man sich vor allem gemerkt hat vom Kommentator Bergmann, sind die Rodel-Übertragungen aus Albertville '92. Ich zitiere: Viel Glück, Andrea Tagwerker. Der Wimpernschlag einer Libelle. Der Modellathlet aus Mieders im Stubaital. Das Pratzeln.

Bergmann: Dabei würd's ja eigentlich Tatzeln heißen. Im Prinzip ist Rodeln sehr schwer zu übertragen, man sieht ja relativ wenig Unterschiede. Man muss das Rodeln verbal verschärfen. Es ist in einem Land der Skifahrer ja generell eine Metapher für Nichtskifahrenkönnen. Zu einem, der mit Skiern nichts zuwege bringt, sagt man, er soll rodeln gehen.

STANDARD: Sind nicht Eiskanäle eine unzeitgemäße, unökologische Perversion? Jetzt wird wohl für Sotschi 2014 wieder einer errichtet.

Bergmann: Als Kunstbahnrodeln olympisch wurde, hatte man den Weitblick nicht. Und dass man daraus lernt? Schau, ich bin ja an und für sich Historiker, hab in Geschichte meinen Doktor gemacht. In der ersten Vorlesung fragt uns der Professor, wieso wir Geschichte studieren. Sagt eine Studentin, sie will die Fehler der Vergangenheit vermeiden. Sagt der Professor, da ist sie fehl am Platz, denn in tausenden Jahren hat der Mensch nie aus seinen Fehlern gelernt.

STANDARD: Kritiker haben Sie als Samtpfote bezeichnet und Ihnen vorgeworfen, Ihnen würde die kritische Distanz fehlen.

Bergmann: Meine Sympathien waren und sind immer bei den Kleinen, bei denen, die nicht so wichtig waren, bei den Verlierern. Mir sind alle Sportler ans Herz gewachsen. Das mit der Samtpfote hat wehgetan. Aber es stimmt, ich war und bin mit vielen Sportlern befreundet. Viele bedanken sich für siebzehn Jahre "Sport am Montag".

STANDARD: Tatsächlich trauern viele der Sendung nach. Sie auch?

Bergmann: Ich nicht. Jede Zeit hat ihre Sendungen. Wir haben halt 1975 damit begonnen, etwas aufzubauen, was es damals so noch nicht gegeben hat. Wir haben Hintergründe gebracht, uns bewusst bemüht, Sport für die Frauen interessant zu machen. Wir sind weggegangen von Metern und Sekunden. Was die Aktualität betrifft, waren wir natürlich Zweiter.

STANDARD: Müsste es nicht längst zur Renaissance dieser Herangehensweise kommen? Schließlich ist das Fernsehen generell oft Zweiter, die Zeitung sowieso. Aber immer noch geht's um Resultate und darum, was Sportler dazu sagen.

Bergmann: Du musst dich als Reporter den Wünschen des Publikums anpassen. Aber das Hintergründige, Persönliche ist wichtig, wird wieder wichtiger. Man will nicht nur wissen, wie jemand hinter seinem Sturzhelm ausschaut, man will mehr wissen.

STANDARD: Woher kommt Ihre große Liebe zum Boxen?

Bergmann: Ich hab' selbst an der Uni geboxt. Das Boxen hat eine ganz eigene Faszination, gewissermaßen eine Urdramaturgie. Das hat es immer gegeben, zwei halbnackte Männer, die auf einer Bühne kämpfen, um Nahrung, um eine Frau, um Geld, um was weiß ich. Kein Wunder, dass das Boxen so viele Schriftsteller angezogen hat: Jack London, Hemingway, Wolf Wondratschek. Das Boxen erzählt die tollsten Geschichten.

STANDARD: Im Zusammenhang mit Boxen ist oft von der Halbwelt, wenn nicht Unterwelt die Rede.

Bergmann: Zugegeben, auch das Halbweltmilieu bei den Boxern gefällt mir. Ich brauche auch keinen Boxer, der Shakespeare-Sonetten aufsagt, und auch keinen Schauspieler, der boxen kann. Aber im Ring müssen sich alle an Regeln halten. Ich mit meinen dünnen Händen konnte da Typen bezwingen, die mich im Wirtshaus aus dem Fenster geworfen hätten.

STANDARD: Ihre Freundschaft mit Hans Orsolics beruht auch darauf, dass er oft als Verlierer dagestanden ist, der ja auch selbst sein "patschertes Leben" besang?

Bergmann: Der Hans war und ist ein Phänomen. 1974 hat er zum letzten Mal geboxt, heute noch sprechen ihn die Leute auf der Straße an. Er war Nummer eins der Weltrangliste und der Ö3-Hitparade. Wahrscheinlich kommt seine Geschichte noch auf die Bühne, Franzobel soll ein Stück fürs Akademietheater schreiben.

STANDARD: Ängstliche Frage: Kann man als Sportjournalist nie in Pension gehen?

Bergmann: Wenn's eine Berufung ist, wohl nicht. Ich gehe das Tempo mit, das Menschen vorgeben, die meine Söhne sein könnten. Das hält jung. Dabei wollte ich Opernsänger werden. Die Oper ist eine große Leidenschaft geblieben, heuer hab ich allein viermal den "Siegfried" gesehen, auf dem Stehplatz klarerweise. Sonst würde mich meine Leidenschaft arm machen. (Fritz Neumann/DER STANDARD; Printausgabe, 23./24.8.2008)

ZUR PERSON:

Sigi Bergmann (70), bis 2000 beim ORF angestellt, seitdem als freier Journalist tätig. Verheiratet, zwei Töchter, fünf Enkelkinder.

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    Sigi Bergmann (li.) hat über seinen Freund Hans Orsolics sogar ein Buch geschrieben. "Der Hans ist ein Phänomen", sagt er. "1974 hat er aufgehört, heute noch reden sie ihn auf der Straße an."

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    Federgewicht, Halbfinale: Aserbaidschans Schahin Imranow (links) verliert gegen Frankreichs Khedafi Djelkhir.

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