Mondän-kontemplatives Refugium

22. August 2008, 18:31
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Eine bibliophile Reise in das Innenleben des weitläufigen Refugiums des Seengebiets: "Der Attersee - Die Kultur der Sommerfrische"

Eine historische Spuren-suche der kulturellen, geografischen und philosophischen Topografie der Landschaft rund um das "Oberösterreichische Meer": Das ist die grafisch aufwändige, opulent bebilderte Monografie Der Attersee. Historischen Skizzen und alten Abbildungen des Gebietes, das im Gegensatz zu anderen Refugien der höfischen und bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts erst spät entdeckt wurde, stehen aktuelle Fotografien gegenüber. Interessant ist, was Einst und Jetzt gemeinsam haben und was sie unterscheidet.

Illustriert wird die Entwicklung der Architektur als Vexierspiegel einer sich verändernden Sozialisation. Die aufgeschlossene bürgerliche Gesellschaft, die die höfische Adelsetikette hinter sich gelassen hatte, verlagerte - entsprechend der aufkommenden Kultur der Sommerfrische - ihr Lebens- und Arbeitsgebiet und ihr gesellschaftliches Rayon von der Stadt aufs Land. Sich bewusst nicht in Ischl, am Traunsee oder im Ausseerland ansiedelnd, widersagte das Bürgertum am Attersee der Dämonie der Gemütlichkei. Hinter der ländlich alpinen Fassade eines kontemplativ-mondänen Refugiums entstand ein urban inszeniertes Geistesleben. Die ersten Landhäuser waren Überformungen bereits bestehender Bauernhäuser. In Folge entwarfen Architekten die heute als klassisch bekannten Villen mit Türmen, als Fortsetzung der biedermeierlichen Idee von der malerischen, heilen Natur im Rahmen pittoresker, majestätischer Szenarien der Seen- und Bergwelt. Inszenatorische Kompositionen, Applikationen, Verzierungen und architektonische Attribute wie Veranden folgten. Die Landhäuser und ihre kultivierten Gartenlandschaften wurden von den Städtern bewusst als eine rustikale eklektizistische Facette des Historismus angelegt, gleichsam als ein Zeichen ihrer urbanen Herkunft. Künstler wie Gustav Klimt samt ihrer Skandale verursachenden Entourage, Emilie Flöge, Gustav Mahler oder Christian Ludwig Attersee zollen der modernen Ausrichtung bis heute Tribut.

Die bibliophile Reise in das Innenleben des weitläufigen Refugiums ist naturgemäß ein Aufruf, akkordierend der Philosophie der Sommerfrische, Wertigkeiten zu hinterfragen, die innere Mitte zu suchen, und zu bewusst Sinn bildender Langsamkeit zurückzukehren. Wider die Dämonie trügerischer Idylle und Gemütlichkeit. (Gregor Auenhammer, DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.08.2008)

Erich Bernard, Judith Eiblmayr, Barbara Rosenegger-Bernard, Elisabeth Zimermann, "Der Attersee - Die Kultur der Sommerfrische". € 49,90 / 254 Seiten. Christian Brandstätter Verlag, Wien 2008

  • Artikelbild
    foto: regine hendrich
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