Kult und Sühne

22. August 2008, 19:10
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"Gott allein genügt": Im einstigen Jagdschloss Mayerling leben heute neun Nonnen des Karmel-Ordens in strenger Klausur

Abgeschottet von der Außenwelt, üben sie Sühne für den Selbstmord von Kronprinz Rudolf. Von Karin Krichmayr

Die gleißende Sonne brennt auf die Steinstufen vor dem verschlossenen Kirchenportal und taucht den menschenleeren Platz am Rand von Mayerling in ein blendendes Licht. Erst nach dem Läuten der Klingel neben dem Portal öffnet eine der Pensionistinnen, die Führungen durch die Gedenkstätte Mayerling anbieten, eine Luke in der Tür. Rund 40.000 Besucher kommen jedes Jahr, um sich jene Stelle anzusehen, an der sich "die Tragödie" abspielte.

"Die Tragödie", dieser Ausdruck steht hier für den Tod von Kronprinz Rudolf und Baroness Maria Vetsera am 30. Jänner 1889, welcher das kleine Dorf in der niederösterreichischen Gemeinde Alland weltberühmt machte. Dabei ist von dem einstigen Jagdschloss, in das Rudolf das weitläufige Anwesen verwandelt hatte, nachdem er es 1886 dem Stift Heiligenkreuz abgekauft hatte, nicht viel zu sehen. Dort, wo sich das Schlafzimmer befand, steht heute die Kirche des Klosters Karmel St. Josef; der Altar markiert die Stelle, an der das Bett stand, in dem Rudolf und Mary Vetsera tot aufgefunden wurden. In den übrigen Zimmern, die besichtigt werden können, sind auf engem Raum ein paar Möbelstücke, Briefe und historische Aufnahmen ausgestellt – und seit dem vergangenen Jahr auch der Sarg, in dem Mary Vetsera bis zur Grabplünderung 1945 auf dem Friedhof von Heiligenkreuz bestattet war.

Kaum einer der in Bussen angekarrten Besucher der Gedenkstätte weiß, dass sich im Gebäude auf der rückwärtigen Seite der Kirche regelmäßig neun Karmelitinnen versammeln, um nach dem Prinzip "Gott allein genügt" im Verborgenen für das Seelenheil des Kronprinzen und seiner Geliebten beten; dass sich hinter der beschaulichen Touristenattraktion im Wienerwald ein Schweigekloster verbirgt, in dem die Nonnen in strenger Klausur und praktisch ohne Kontakt zur Außenwelt leben.

Schon wenige Monate nach Rudolfs Selbstmord zogen die ersten Schwestern des Ordens der "Unbeschuhten Karmelitinnen" in das Schloss Mayerling, das Kaiser Franz Joseph in eine "Sühnestätte" umwandeln ließ. Die Karmelitinnen sollen eine spirituelle Verbindung zu der "Tragödie" aufrechterhalten.

"Ein steiler Ort", meint Pater Karl Wallner, Rektor der Theologischen Hochschule in Heiligenkreuz. "Der Karmel-Orden ist einer der extremsten, die es gibt." Wallner ist gerade auf dem Weg ins Gästehaus des Klosters Mayerling, wo er an diesem Augustwochenende Exerzitienseminare für Frauen abhält, die sich der Spiritualität der Karmelitinnen nähern wollen. Der Zisterziensermönch ist dem Kloster seit vielen Jahren "eng verbunden", fungiert als Kontaktmann und Webmaster der Klosterfrauen. Auch wenn er betont, dass die Schwestern selbst keinen Internetanschluss haben und auch keinen wünschen.

Schweigen mit Ausnahmen

Die Heiligenkreuzer Mönche bestreiten auch die tägliche Messe in Mayerling – "etwas ganz Besonderes für jeden Priester" – während die Karmelitinnen dem Gottesdienst versteckt durch ein vergittertes Fenster seitlich des Altars beiwohnen. Der Tag in der Klausur ist gegliedert durch fixe Stundengebete, Arbeitszeit, geistliche Weiterbildung, "Rekreation" und zweimal je eine Stunde der "inneren Betrachtung", einem persönlichen Gebet, in dem sich die Schwestern im Stillen der Liebe zu Gott hingeben.

"Der Gedanke der Sühne ist durchaus präsent", sagt die Priorin Regina, seit rund zwei Jahren die Oberschwester des Klosters. "Aber wir beten nicht nur für die Verstorbenen von Mayerling, sondern haben den Auftrag, die ganze Welt in unser Gebet einzuschließen." Gerade ist sie mit einem breiten Lächeln auf den Platz getreten und beschattet mit der Hand die zusammengekniffenen Augen. Die Frau mit den aufgeweckten Augen und den hellblonden Wimpern wirkt trotz der schweren dunkelbraunen Kutte mit der weiten schwarzen Kapuze fast kindlich, die porzellanfarbene Haut erscheint alterslos. Die Priorin ist die einzige Nonne, die hin und wieder "im Außendienst" an die Öffentlichkeit geht, etwa um Spendenaufrufe zu machen. Die anderen verlassen das Kloster nur in unvermeidlichen Notfällen.

Was es für die neun Schwestern im Alter zwischen 39 und 84 Jahren bedeutet, "sich ganz der verborgenen Sendung für das Heil der Menschen zu widmen", "das ganze Leben zu einem Gebet, zu einem Dialog mit Gott werden zu lassen", das lässt sich bei der begrenzten Gesprächszeit mit der Priorin, die stets mit zu Boden gerichtetem Blick spricht, kaum ergründen. "Manches erfährt man auch durch die Zeitung oder Angehörige", räumt Priorin Regina ein. "Doch wir denken viel weiter. Dinge wie Systeme und Politik wechseln. Was bleibt, ist der Mensch in seiner Not und Schuld. Das ist immer aktuell."

Beziehungsarbeit mit Gott

Auch wenn Außenstehende keinen Blick hinter die Klostermauern werfen können und selbst Ordensanwärterinnen keine Möglichkeit haben, das Leben in der Klausur auszutesten – Nachwuchsprobleme gebe es keine, sagt Oberin Regina. Die jüngste Berufene sei erst im Februar dem Kloster beigetreten. "Entgegen der üblichen Ansicht wählen wir ganz bewusst aus. Nur die Frauen, die durch den Filter von Wachsen, Reifen und Ringen durchkommen, können eintreten." Die Beziehung zu Gott sei wie auch die Beziehung zu einem anderen Menschen "Arbeit". Wer sich entschieden habe, im Kloster zu leben, hätte schließlich sechs Jahre Zeit, um sich für die "ewige Bindung" zu entscheiden.

Letztlich bleibt die isolierte Lebensweise der Karmelitinnen auch für Pater Karl Wallner "ein Mysterium". "Die Ordensschwestern zeugen von einer geradezu ekstatischen Verliebtheit in Gott", sagt Pater Karl Wallner und fügt hinzu: "Eine Amour fou!" Diese Gottesverliebtheit wird vor allem repräsentiert durch die Heilige Thérèse von Lisieux, deren Figur in Mayerling allgegenwärtig ist. Die Karmelitin soll vor ihrem Tod im Alter von 24 Jahren versprochen haben, Rosen regnen zu lassen für die Gnaden, die sie vom Himmel aus für die Menschen erbittet.

Die Faszination für "die kleine Thérèse" teilen auch die 16 durchwegs jungen Frauen, die für vier Tage nach Mayerling gekommen sind, um Vorträge anzuhören, sich in Schweigeexerzitien zu üben und "die Seele vor Gott baumeln zu lassen", wie es Karl Wallner ausdrückt. Die 27-jährige Medizinstudentin Sandra ist eine von ihnen. Sie möchte im Rahmen der Exerzitien "Gott bewusst mehr Zeit geben", um ihr zu zeigen, "ob der Weg, den ich gewählt habe, richtig ist und wie es weitergeht."

Immerhin bringt die Vermietung des klösterlichen Gästehauses, in dem auch Theologiestudenten aus Heiligenkreuz untergebracht sind, ein wenig Geld für allfällige Renovierungen in die Ordenskasse. Denn die Einnahmen von zwei Euro Eintritt pro Person für die Gedenkstätte reicht gerade für Lebensmittel. Als nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die amerikanischen Touristen ausblieben, sei das "existenzgefährdend" gewesen, erzählt Karl Wallner. Notfalls würden aber "Gönner aus den Kreisen der Aristokratie" einspringen.

Am Ende der Führung können die Besucher Häkeldeckchen und Kerzen erstehen, die von den Nonnen hergestellt werden – und wer es wissen will, erfährt von den freundlichen Pensionistinnen an der Kassa die Geschichte von den verborgenen Karmelitinnen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23./24.8.2008)

  •  An der Stelle, wo sich das Schlafzimmer befand, in dem Rudolf und Mary
Vetsera tot aufgefunden wurden, steht heute der Altar der Kirche der
Karmelitinnen. Sie sehen sich als spirituelle Verbindung zu der
Tragödie. 

Letztlich bleibt die isolierte Lebensweise der Karmelitinnen ein
Mysterium. Die Ordensschriften zeugen von einer geradezu ekstatischen
Verliebtheit in Gott.
Eine Amour fou!
    foto: christian fischer
    Foto: Christian Fischer

     An der Stelle, wo sich das Schlafzimmer befand, in dem Rudolf und Mary Vetsera tot aufgefunden wurden, steht heute der Altar der Kirche der Karmelitinnen. Sie sehen sich als spirituelle Verbindung zu der Tragödie. 

    Letztlich bleibt die isolierte Lebensweise der Karmelitinnen ein Mysterium. Die Ordensschriften zeugen von einer geradezu ekstatischen Verliebtheit in Gott. Eine Amour fou!

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