Kultivierte Seelenhändler

22. August 2008, 18:05
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Eine Höllenfahrt zur Eröffnung in Grafenegg

Grafenegg - Es ist immer wieder beeindruckend, dass in der Darstellung musikalischer Moral die bösen und dunklen Seiten die Komponisten und Interpreten offensichtlich weit mehr inspirieren als die Schilderung etwaiger himmlischer Weihen.

Bei Hector Berlioz' frei nach Goethes Faust komponierter La damnation de Faust op. 24, mit dem das heurige Musikfestival Grafenegg bei besten Wetterbedingungen im Wolkenturm eröffnet wurde, prallen diese beiden polaren Welten unmittelbar aufeinander; und es ist eben diese Höllenfahrt, in welcher die Interpreten gegenüber der zuvor meist vorherrschenden zwar sauberen, aber zurückhaltenden Interpretation eine starke dramatische und offen suggestive Kraft entwickeln. Die folgende Himmelfahrt Margaretes, mit der das Werk endet, klingt da als heute weitgehend verbrauchte Dur-Seligkeit eigentlich wesentlich irdischer.

Kristian Järvi leitet das Tonkünstler-Orchester sowie den Tschechischen Philharmonischen Chor Brünn und die am Ende dazustoßenden Gumpoldskirchner Spatzen mit viel Umsicht und Überblick und bündelt den lediglich im tiefen Blech etwas inhomogenen Klang zu einem runden Gesamtbild. Die Musik fungiert dabei wie der Rahmen, in dem die Protagonisten - Kurt Streit als Faust, Sergei Leiferkus als Méphistophélès, Iris Vermillion als Marguerite und Alfred Muff als Brander - die heute kaum mehr überzeugende Berlioz'sche Sichtweise des Faust-Stoffes erzählen.

Streit und Leiferkus sind dabei ein mehr als ebenbürtiges Paar. Besonders Streit verleiht Faust durch seinen hellen, klaren Tenor eine Ausstrahlung, die weniger individuell menschlich klingt, als archetypisch für die hier ausgedrückte Mischung aus innerer Unruhe und unbewusstem Begehren steht.

Eindringliche Suggestion

Und auch Leiferkus' Méphistophélès ist weniger der verschlagen diabolische Bösewicht als ein äußerst kultivierter Herr, ein (See-len-)Händler, den man so auch bei diversen Wirtschaftsunternehmen oder Banken treffen kann. Leiferkus formt seinen Bariton zwar immer wieder zu Momenten von eindringlicher Suggestion, bleibt aber stets im Rahmen feiner Gesangskultur. Das Böse im stimmlichen Nadelstreif. (Robert Spoula, DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.08.2008)

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