"Ein Blick zurück macht mir Sorgen"

22. August 2008, 18:06
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Lokalpolitikerin Toni Preckwinkle, die Obama seit den 90er Jahren kennt, im STANDARD-Interview

 Die afroamerikanische Lokalpolitikerin Toni Preckwinkle ebnete Barack Obama den Weg, als er Mitte der 1990er-Jahre seine Politikerlaufbahn begann. Frank Herrmann sprach in Chicago mit ihr.

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STANDARD: Frau Preckwinkle, wann hatten Sie zum ersten Mal mit Barack Obama zu tun?

Preckwinkle: Vor der Präsidentschaftswahl 1992. Er arbeitete für "Project Vote" , ein Projekt, das erreichen sollte, dass sich mehr Wähler registrieren lassen.

STANDARD: Wie war der Obama, den Sie damals kennenlernten?

Preckwinkle: Klug, fleißig, sehr eloquent. Ich habe ihn dann unterstützt, als er für den Senat des Bundesstaats Illinois kandidierte.

STANDARD: Eine komplizierte Geschichte. Bitte erzählen Sie sie.

Preckwinkle: Alice Palmer, die Politikerin, die unseren Chicagoer Wahlkreis im Senat von Illinois vertrat, wollte sich um einen Sitz im amerikanischen Kongress bewerben. Obama rückte an ihre Stelle nach, wobei ich und andere ihm den Rücken stärkten. Dann verlor Palmer die Kongresswahl und bat ihn, auf seine Kandidatur für den Staatensenat zu verzichten, also ihr das alte Feld wieder zu überlassen. Er hat Nein gesagt.

STANDARD: War Obama damals schon ein Mann, dem man eine große Zukunft prophezeite?

Preckwinkle: Nein, er war völlig unbekannt. Er begann als unabhängiger Demokrat und ist es lange geblieben, von 1996 bis 2004. Erst als er 2004 US-Senator werden wollte, hat ihn der Chicagoer Apparat der Demokraten unterstützt.

STANDARD: Was heißt das, ein unabhängiger Demokrat?

Preckwinkle: Das ist eine Handvoll von Leuten, die manchmal gegen das stimmen, was die Daleys (die politische Dynastie, die seit zwei Generationen den Bürgermeister Chicagos stellt, Anm.) verlangen. Die meisten trauen sich das nicht. Es gehört Mut dazu, das zu wagen.

STANDARD: Sehen Sie Obamas Kandidatur als Durchbruch für die Rassenbeziehungen in Amerika?

Preckwinkle: Noch vor zwei Jahren hätte ich nicht geglaubt, dass ein Afroamerikaner ins Weiße Haus einziehen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das noch erlebe.

STANDARD: Warum?

Preckwinkle: Die USA haben immer noch mit Rassismus zu kämpfen. Ganz ehrlich, ich hatte nicht geglaubt, dass sich genug Weiße finden, die einem Schwarzen bei den Vorwahlen den Zuschlag geben.

STANDARD: Schafft es Obama?

Preckwinkle: Er kann es schaffen. Ein Blick zurück macht mir allerdings Sorgen. Ich wähle seit 40 Jahren, und in diesen 40 Jahren hat das Land nur zwei Demokraten zu Präsidenten gekürt, Jimmy Carter und Bill Clinton. Es lag nicht daran, dass wir keine guten Kandidaten hatten. Es lag daran, dass wir nicht so schlau und rücksichtslos waren wie die Republikaner. Hoffentlich ist das diesmal anders.

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    Zur Person

    Toni Preckwinkle (61) vertritt seit 1991 das Viertel Hyde Park, in dem Obama die ersten Stufen der Karriereleiter erklomm, im Rathaus von Chicago.

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