Vom Slum in den Senat

22. August 2008, 18:08
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Ein Streifzug auf den Spuren Barack Obamas: Wie der junge Idealist das kühle politische Geschäft erlernte, in Chicago, einer Stadt, in der man seit jeher mit harten Bandagen kämpft.

Dick Jackson ist tot, Paul Washington auch, hinter James Solomon steht "R.I.P." , "Ruhe in Frieden" . Alle drei waren Teenager. Jetzt sind sie drei von vielleicht zweihundert Namen, die an einer gelben Kachelwand stehen. Nebenan rumpeln die Waschmaschinen von "Noonie's Laundromat" , über die traurige Liste hat eine Künstlerhand einen Vers gemalt. "Welche Kugel hat ihn getötet? Da geht der nächste schwarze Bruder."

"Ach, es ist so ein sinnloser Krieg." Wenn Linda Randle von Altgeld spricht, klingt sie ratlos, obwohl sie gern ausgelassen lacht wie ein Mädchen. Banden wie die "Vice Lords" und die "Gangster Disciples" streiten darum, wer an welcher Ecke Drogen verhökern darf. "Die lassen keinen an sich ran, keine Organisation, keine Kirche." 14 Jahre hat Linda in Altgeld gewohnt. Sie war heilfroh, als sie im Mai wegziehen konnte.

Das Ghetto liegt weit im Süden, im staubigen Industriegürtel Chicagos. Wer hier landet, kann pro Monat höchstens 50 Dollar Miete bezahlen. Dabei sieht man auf den ersten Blick nichts von der Not. Bohrhämmer dröhnen, die Gemeinde investiert viele Millionen, um die langen Reihen backsteinroter Mietsbaracken zu sanieren. "Aber all die Gewalt" , seufzt Linda Randle. "Es ist schon verdammt schwer, in Altgeld zu leben."

Altgeld Gardens - der Name ist in aller Munde, seit sich Barack Obama ums Weiße Haus bewirbt. In den Karrees zwischen Riverdale und Grenwood Avenue kennt der Kandidat jeden Stein, dort war er drei Jahre Sozialarbeiter. "Er kam als Idealist und ging als Realist" , erinnert sich Jerry Kellman und klingt sehr zufrieden. Kellman war es, der den Träumer Barack auf den Boden der Tatsachen holte. Der junge Himmelsstürmer wollte Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ein geschlossenes Stahlwerk in der Nähe wieder zum Laufen zu bringen. So wollte er die Siedlung der Hochofenarbeiter vor dem Abrutschen retten. Es blieb ein Traum. "In Altgeld" , sagt Kellman, "hat Barack das Leben kennengelernt."

Es war 1985, als der Direktor des Developing Communities Project, einer Chicagoer Hilfsorganisation, Obama einen Job anbot. In New York hatte der an der Columbia-Universität studiert, hatte Arbeit bei einer Finanzzeitung gefunden. Es reichte ihm nicht. Chicago lockte, dort war mit Harold Washington erstmals ein Schwarzer zum Bürgermeister gewählt worden. Diesen Aufbruch wollte Obama miterleben.

Kellman heuerte ihn an, zahlte ihm zehntausend Dollar Jahresgehalt und zweitausend für den Kauf eines Gebrauchtwagens. Geduldig brachte er ihm bei, dass Menschen sich selbst helfen müssen, damit ihnen geholfen werden kann. "Frag die Leute, wo ihre materiellen Interessen liegen" , verlangte der alte Fuchs. Manchmal gab es Streit zwischen dem strengen Lehrer und seinem selbstbewussten Lehrling. Aber noch heute klingt Kellman beeindruckt, wenn er von Obamas moralischem Kompass spricht. "Diene der Gemeinschaft. Das hat er von seiner Mutter."

Linda Randle lernte Obama kennen, als sie gegen die Chicago Housing Authority (CHA) kämpften, eine Behörde, der die Sozialwohnungen unterstehen. Es ging um Asbest. Linda war Sozialarbeiterin wie Barack, eine Mietskasernensiedlung weiter. Sie beobachtete, wie Bautrupps in einem Sieben-Etagen-Haus Asbest entsorgten, allerdings nur im Parterre, wo die Verwaltung saß. Empört erzählte sie es ihrem jungen Kollegen.

"Er arbeitete und arbeitete"

Gemeinsam rückten sie der CHA auf den Pelz, warteten stundenlang in öden Vorzimmern. Halbe Lösungen lehnten sie ab. Entweder Asbest raus oder neue Toiletten rein, bot man den Hartnäckigen an, beides zusammen sei zu teuer. "Solche faulen Kompromisse wollten wir nicht" , ruft Randle. Von Obama konnte sie lernen, wie man Druck macht. Einmal nahm er Lokalreporter mit zu einem Termin bei der Wohnungsbehörde. Die Zeitungen druckten kritische Artikel, von da an nahm man ihr Anliegen ernst. "Barack war mit seinen 25 Jahren unglaublich reif" , erzählt Linda. "Er hing nirgends rum. Er arbeitete, arbeitete, arbeitete."

Es ging schleppend voran, die Tore des Stahlwerks blieben verschlossen. Aber laut wurde er nie. Wenn er sich ärgerte, hatte er seine Zwei-Zigaretten-Momente, wie Linda es nennt. Dann rauchte er zwei Glimmstängel, um sich abzureagieren. Irgendwann erkannte er, dass man Paragrafen kennen muss, um etwas bewegen. Zu oft kamen ihm die Amtsschimmel mit Gesetzen, deretwegen man - "leider" - nichts tun könne. "Tja, deshalb ging er nach Harvard" , so Randle.

1991 kehrte Obama zurück. Die Anwaltsbüros rissen sich um ihn, er aber ging zu einem Außenseiter, zu Miner, Barnhill & Galland. Die Kanzlei engagierte sich für die Rechte Schwarzer und forderte die Daley-Maschine heraus, jenes Netzwerk, das Chicago beherrschte. Von 1955 bis 1976 und dann wieder seit 1989 wird die Stadt von der Familie Daley regiert, erst von Vater Richard, dann von Sohn Richard. Obama hatte den Mut, der Maschine die Stirn zu bieten.

Ohne Toni Preckwinkle aber wäre der Schnellstarter wohl kaum so rasch aus den Blöcken gekommen. Sie stellte sich hinter ihn, als er Politiker wurde und für Parteifreunde harte Worte fand. (siehe Interview). Sie hat ihren politischen Ziehsohn als kühl kalkulierenden Karrieristen erlebt. Zum Menschen Obama ging sie auf Distanz, dem Politiker Obama nimmt sie nichts übel. Wie sonst kann es einer schaffen in diesem Geschäft?

Kühler Karrierist

Preckwinkle schwankt zwischen Abneigung und Bewunderung für den mühelosen Schwenk, den er vollzog, als sein Wahlkreis neu zugeschnitten wurde. Von da an vertrat der Senator neben seiner schwarzen Klientel auch Weiße, Börsenbroker und liberale Professoren in gepflegten Parkvierteln am Michigansee. Es war die Zeit, als er vom Zuschütten alter Gräben zu reden begann, von den Vereinigten Staaten von Amerika.

Cheryl Johnson fühlt sich bei alledem wie eine vergessene Verwandte. In Altgeld sitzt sie im selben Büro, in dem Obama einst saß. Sie ist 47, wie er. Das Dach ist undicht. Cheryl hat sich von nichts beeindrucken lassen von Obamas großen Reden. "Gut und schön, aber in Altgeld eskaliert das Verbrechen. Wir brauchen dringend bessere Schulen. Mach was Reales, Barack! Komm nach Hause!"(Frank Herrmann aus Chicago/DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.8.2008)

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    Irgendwann erkannte er, dass man Paragrafen kennen muss, um etwas zu bewegen: Barack Obama kehrte nach dem Jus-Studium in Harvard nach Chicago zurück. Dort hatte er Jahre zuvor als Sozialarbeiter gearbeitet, war vom Idealisten zum Realisten geworden.

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