"Ein Martyrium von Unschuldigen"

26. August 2008, 14:53
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Nach den Luftangriffen von US-Soldaten in Afghanistan, bei denen laut UNO 90 Zivilisten starben, will die Regierung in Kabul ausländische Truppenpräsenz neu verhandeln

Herat - In Afghanistan haben die jüngsten Berichte über den Tod zahlreicher Zivilisten bei US-geführten Luftangriffen für Entrüstung gesorgt. Nahe des Dorfs Azizabad, wo nach afghanischen Regierungsangaben 89 Zivilisten getötet worden waren, protestierten am Samstag rund 250 wütende Bewohner gegen die ausländischen Truppen. Präsident Hamid Karzai verurteilte das "Martyrium" von dutzenden Unschuldigen. Die multinationalen Truppen leiteten eine Untersuchung ein. "Alle Anschuldigungen zum Tod von Zivilisten werden sehr ernst genommen" , hieß es in einer Erklärung vom US-Hauptmilitärstützpunkt in Bagram nördlich von Kabul.

Frauen und Kinder

Die Vereinten Nationen haben den Tod von 90 Zivilisten bestätigt. Die Ermittlungen auf der Grundlage von Augenzeugenberichten hätten überzeugende Beweise dafür geliefert, "dass rund 90 Zivilisten getötet wurden, darunter 60 Kinder, 15 Frauen und 15 Männer", sagte der UN-Sondergesandte Kai Eide am Dienstag in Kabul. Die Region gilt als gefährlich, da sie eine Hochburg der radikalislamischen Taliban und anderer Rebellen ist. Die US-geführten Koalitionstruppen räumten bisher lediglich den Tod von fünf Zivilisten bei dem Angriff ein. Zunächst hatten die Us-geführten Truppen den Tod von 30 Taliban-Kämpfern bestätigt, am Dienstag erklärte Koalitionssprecher Nathan Perry, unter den 30 Leichen seien auch fünf gefunden worden, die nicht von Kämpfern stammten, sondern von zwei Frauen und drei Kindern.

Eine Demonstration Einheimischer geriet am Samstag kurzzeitig außer Kontrolle. Afghanische Soldaten seien mit Steinen beworfen worden und hätten in die Luft schießen müssen, um die Demonstranten auseinanderzutreiben, sagte der Kommandant der Polizeikräfte in der Region, Akramuddin Jawer. Die rund 250 Menschen skandierten seinen Angaben zufolge Parolen gegen die multinationalen Truppen und die Regierung von Karzai. Wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete, zündeten die Demonstranten ein Polizeiauto sowie einen Kontrollposten an und blockierten für mehrere Stunden die Hauptstraße nach Herat.

Auch im afghanischen Parlament sorgte der Vorfall für Empörung. Die Koalitionstruppen hätten "auf grausame und barbarische Weise Zivilisten bombardiert" , sagte der Abgeordnete Said Shafik. Die ausländischen Soldaten seien mit ihren "eigenen Zielen" nach Afghanistan gekommen und wollten dort nicht die Sicherheitslage verbessern, sagte der Parlamentarier der Provinz Herat, Aziz Nadim.

Das Kabinett verabschiedete am Montag eine Resolution, wonach die Bedingungen für den Aufenthalt ausländischer Soldaten in einem gemeinsamen Abkommen festgehalten werden sollen. Luftangriffen auf Zivilisten sowie "widerrechtlichen" Festnahmen und Hausdurchsuchungen durch ausländische Truppen müsse ein Ende bereitet werden, erklärte das Kabinett.

900 tote Zivilisten seit Jänner

Den Koalitionstruppen wird immer wieder vorgeworfen, bei Gefechten mit Aufständischen den Tod von Zivilisten in Kauf zu nehmen. Nach Angaben der afghanischen Menschenrechtskommission kamen seit Jahresbeginn 900 Zivilisten durch Kämpfe ums Leben. Im Juli wurden bei zwei Luftangriffen der internationalen Truppen 64 Zivilisten getötet, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, die Gäste einer Hochzeitsgesellschaft waren. (AFP, dpa, Reuters, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 25.8.2008)

 

  • Proteste von aufgebrachten Dorfbewohnern nach dem Luftangriff.
    Foto: REUTERS/Mohammad Shoiab

    Proteste von aufgebrachten Dorfbewohnern nach dem Luftangriff.

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    Ein Bub vor den Ruinen eines Hauses in Azizabad

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