Die kühle Strategin

22. August 2008, 17:33
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Liederabend mit Mahler, Bach und Wolf

Salzburg - "Und wird der Mai mich nimmer sehn, in meinem gelben Kleid", klagt der "Zitronenfalter im April" in Hugo Wolfs Mörike-Lied. Damit schien, zum ersten Mal beim Festspiel-Liederabend von Christine Schäfer am Donnerstag im Salzburger "Haus für Mozart", kurz vor Schluss ein menschliches Gefühl sich zu regen: im Mitleid mit einer der verletzlichsten Kreaturen auf "grüner Erden".

Zuvor galt es, das Schicksal des verhungernden Kindes in Mahlers "Irdischem Leben" oder das Voneinander-Scheiden der Liebenden im Lied "Wo die schönen Trompeten blasen" mitzuerleiden, mitzufühlen.

Aber das fiel nicht wirklich leicht bei Christine Schäfers glasklar analysierendem Zugang, der sich jeglicher Emotion zu verschließen und technische Hürden mit der Unerbittlichkeit einer Strategin zu nehmen schien.

"O Röschen rot" - nicht nur "Urlicht", sondern Mahler-"Ur-Lied" schlechthin - war eine Technik-Studie, anhand derer etwa der Aufbau eines wohldosierten Crescendos exemplarisch vorgeführt wurde.
Im strahlend klaren Sopranklang Christine Schäfers bekam das goldene Himmelslicht freilich einen Touch von Seziersaal-Beleuchtung.

Stahlharte Silberfäden

Wobei Ingo Metzmacher am Klavier sich von den stahlhart geschmiedeten Silberfäden nicht umgarnen und die Vögel etwa im Hugo-Wolf-Lied "Karwoche" munter tirilieren ließ. Mit schier unendlich vielen Klangfarben untermalte Metzmacher die kühlen Studien der Schäfer hinterrücks mit warmem Leben. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.08.2008)

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