Caritas-Chef Landau: "Die gefühlte Inflation ist oft noch viel härter"

22. August 2008, 17:29
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Teuerung trifft Armutsgefährdete: Mehr Essensausgaben in der "Gruft"

Wien - "Zunehmend mehr Menschen kommen mit dem, was ihnen zusteht, nicht mehr über die Runden" , warnt Caritas-Chef Michael Landau. Und er spricht aus Erfahrung: 2007 wurden im Caritas-Betreuungszentrum "Gruft" 81.000 Mahlzeiten verteilt, rund 225 pro Tag. Das waren um 35 Prozent mehr als noch 2000. Dazu kamen nochmals 70.000 Mahlzeiten, die über Essensbusse verteilt wurden. Auch im ersten Quartal dieses Jahres verbuchte die "Gruft" wieder einen neuen "Essensrekord" : 5,5 Prozent mehr Mahlzeiten als im Vorjahreszeitraum.

Alarmierend ist für den Leiter der Caritas vor allem, dass die Verarmung immer weiter in die Gesellschaft hineinreiche: "Oft kommen Leute zu uns, die zwar noch eine Wohnung haben, aber sich die Frage stellen: heizen oder essen?" Die sichtbare Obdachlosigkeit sei nur die Spitze des Eisbergs.

Besonders betroffen von der "versteckten Armut" seien Alleinerzieherinnen, Langzeitarbeitslose, kinderreiche, einkommensschwache Familien und Mindestpensionisten. Diese Gruppen würden Preissteigerungen in den Bereichen Lebensmittel und Wohnen besonders stark zu spüren bekommen. Die gefühlte Teuerung und damit verbundene Geldnot sei oft noch ein Stück härter, als das die Inflationsrate ausweist. Denn: Sozial schwache Familien, die 60 Prozent des Einkommens für Lebensmittel und Wohnen ausgeben, "haben nichts davon, wenn etwa Flugtickets oder Laptops billiger werden" , sagte der Caritas-Chef zum Standard.

Laut offiziellen Angaben sind in Österreich 12,6 Prozent der Bevölkerung, also mehr als eine Million Menschen, armutsgefährdet. Zu dieser Gruppe zählt, wer monatlich mit weniger als 893 Euro auskommen muss. Fünf Prozent der Einwohner sind von akuter Armut betroffen.

Appell an die Politik

Rasches Handeln fordert die Caritas deshalb von der Politik. Armutsbekämpfung und -vermeidung seien keine Frage des Könnens, sondern "des politischen Wollens" . "Der Sozialstaat ist kein Auslaufmodell" , zeigt sich Michael Landau überzeugt.

Konkret fordert der Caritas-Direktor eine bedarfsorientierte Mindestsicherung, die die Höhe der Inflation voll abgilt, eine Reform des Sozialhilfevollzugs, den Ausbau eines Arbeitsmarktes für sozial Schwächere sowie einen freien Zugang zu sozialen Dienstleistungen wie Gesundheit, Bildung und Pflege.

Die Politik habe bereits "gute Ansätze" geliefert. Von einer neuen Regierung wünscht sich der Caritas-Chef, dass sie "das Thema Grundsicherung wieder aufnimmt" . "Die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und die Qualität der sozialen Sicherheit in einem Land sind zwei Pfeiler einer Brücke" , appelliert Landau. Denn: Der Druck auf die Menschen an den Rändern der Gesellschaft steige. (Katharina Weißinger/DER STANDARD, Printausgabe, 23.8.2008)

 

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