Fragwürdiges Unentschieden

22. August 2008, 17:24
5 Postings

Die zweite Saison von Intendant Jürgen Flimm geht in die Zielgerade: Trotz toller Konzerte und Opernerfolge fällt die Dominanz des Un­verbindlichen auf - Eine Analyse

Salzburg - Als Jürgen Flimm nach hektisch-skurriler Suche zum Intendanten der Salzburger Festspiele gekürt wurde, vermutete man, dass hier ein routinierter Konsenskandidat gefunden wurde, der versuchen wird, konflikt- wie visionsfrei das Unternehmen von Schieflagen freizuhalten. Nachdem nun dessen zweites Jahr ins Finale geht, darf man unoriginellerweise feststellen: In der Tat ist Flimm jener Gleichgewichtskünstler, für den man ihn hielt - gleichsam der Festivalkanzler einer Koalition, in der die Quadratur des Festivalkreises versucht wird.

Die Auslastung muss - bei einem Eigendeckungsgrad von 75 Prozent - stimmen, der Starhunger will gestillt sein. Qualität in Form von mutigen Inszenierungsansätzen darf indes ebenso wenig fehlen. Zugleich ist jedoch für Reichweite zu sorgen, damit der Kultur kommerziell definierende ORF überträgt. Und da wären auch noch die Philharmoniker. Auch auf deren sicher resolut vorgetragene Dirigentenwünsche ist ohne Gesichtsverlust einzugehen.

Selbstredend sollte das Eigenprofil des Festivals nicht leiden. Und es haben die Festspiele einen künstlerischen Ausnahmezustand zu produzieren, statt im Konzert- wie im Opernbereich als Imitation der Musiksaison einer Stadt wie Wien mit sehr hohen Kartenpreis-Mitteln dazustehen.

Überblickt man nun Flimms zweites Jahr, scheint es, als hätte er in diesem Match der einander nur im Glücksfall nicht widersprechenden Ansprüche immerhin ein Unentschieden erreicht, die Balance (bei einem seit 1997 eingefrorenen Budget) gehalten.

Nun sind die Festspiele leider kein Fußballmatch - besonders im Opernbereich, dem Festspielkern, wiegt die Menge des Fragwürdigen schwer: Ein spannender, nicht ganz konsequent umgesetzter Ansatz von Claus Guth bei Don Giovanni (mit nur solider Musikumsetzung); Gelungenes bei Bartóks Blaubart und Rusalka. Auf der anderen Seite ein dem ORF-Übertragungstheater geschuldeter belangloser Historienschinken (Roméo et Juliette, immerhin mit der Dirigentenentdeckung Yannick Nézet-Séguin), ein szenischer Flop bei Otello (mit quasi symphonischer Orchesterqualität) und eine putzige Zauberflöte als Wiederaufnahme aus der Ruzicka-Ära (immerhin mit teils tollen Sängern).

Somit: Das Unverbindliche, das Kommerzielle, das gesanglich Unausgewogene und das konzeptuell Zufällige, hervorgegangen aus dem Erfüllen von Künstlerwünschen, es hat heuer einen zu hohen Prozentsatz erreicht.
Nur im Konzertbereich ist kein Kompromisslertum abzulesen. Markus Hinterhäuser setzt auf klare Thematik, eine intelligente Integration der Moderne und neue Künstlerkonstellationen - auch mit anspruchsvoll arbeitenden Stars wie Daniel Barenboim und Lang Lang. Dazu das Simón Bolívar Youth Orchestra, das die finale Woche dominieren wird, und das Gastspiel des Cleveland Orchestra.

Philharmonischer Geist

All das ist natürlich auch dem hauptverantwortlichen Flimm zugute zu halten, der auch behaupten kann, es habe sich bewährt, einem Gastorchester eine Oper anzuvertrauen. Das lässt auch die Wiener philharmonischen Geister nicht allzu ruhig werden. Zudem: Auf einen unbekannten Dirigenten zu setzen ging gut, und das Young Singers Projekt ist eine ehrenvolle Sache, die einmal Bühnenfrüchte tragende möge.

In Summe wirkt das Ganze unter der glitzernden Oberfläche jedoch etwas ratlos, und zu sehr werden die finanziellen Rahmenbedingungen als quasi behinderndes Naturgesetz betrachtet. Ein Intendant hätte sich auch die Rahmenbedingungen zu erkämpfen, die ihm vorschweben. Er darf in Salzburg nicht als virtuoser Mangelverwalter wirken. Und die Festspiele unter ihm nicht als ein auf hohem Niveau sehr armes Festival.

Man hat wohl die öffentliche Hand musterschülerhaft daran gewöhnt, dass Sponsoren schon helfen werden. Doch der Bereich ist ausgereizt, und es gibt auch für den Status quo keine Dauergarantie; Firmen wie Mäzene können in Nöte geraten. Die öffentliche Hand wird ihre Verpflichtungen nicht mehr an Private delegieren können, der Balancekünstler Flimm vollführt seine Kunststücke auf einem dünnen Seil.

Dennoch scheint er mittlerweile Appetit auf eine Verlängerung seines bis 2011 laufenden Vertrags zu haben, was er bei Amtsantritt ausgeschlossen hat. Sein gutes Recht. Wenn seine Attraktivität für die Entscheidungsträger groß ist, dann sollte Flimm seine Verlängerung jedoch von der Verbesserung der Rahmenbedingungen abhängig machen. Oder ein Konzept vorlegen, das zeigt, wie man die künstlerische Substanz des Festivals unter den beklagten Bedingungen steigern kann.

Er könnte auch darauf hinweisen, dass in Luzern, wo schon jetzt das weltbeste Konzertfestival stattfindet, der Bau eines Musiktheaters geplant wird, wodurch Salzburg in ein paar Jahre interessante Konkurrenz erwachsen dürfte. Dass der Gleichgewichtskünstler auf die Lage vehement hinweisen wird, dafür fehlt jedoch ein bisschen der Glaube. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 23./24.08.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Salzburg pendelt zwischen "Giovanni" -Substanz (Erwin Schrott und Christopher Maltman) und "Roméo" -Kitsch (Nino Machaidze und Rolando Villazón, v. li.).

Share if you care.