Ein Freund, ein guter Freund

22. August 2008, 17:01
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Johannes Gelich hat einen Salzburger Festspiel-Mord-Gesellschaftsroman geschrieben

Einen solchen Auftakt kennt man. Ein Anruf aus dem Pflegeheim, der Vater sei gestorben. Man bitte zu kommen zwecks Begräbnis und Nachlassordnen. Einen solchen Anruf erhält der Ich-Erzähler in Johannes Gelichs neuem Roman. Doch auf der Reise von einer Großstadt im Osten Österreichs, unschwer als Wien zu identifizieren, in eine Festspielstadt im Westen, unschwer als Salzburg auszumachen, reist der namenlose Protagonist nicht zurück in die Vergangenheit.

Vielmehr wird er verwickelt in eine Affäre, der er sich ungerührt und kaltblütig entzieht - durch einen Mord. Es ist Sommer, Festspielzeit. Wie es die Romandramaturgie will, läuft der sich willenlos gerierende Protagonist einem einstigen Schulkameraden namens Max über den Weg. Dieser lädt ihn ein zu einem "Weekend" , einem von ihm organisierten Privatfest, zu dem zwei weitere Freunde hinzustoßen, auf die oberhalb der Stadt gelegene Burg in Familienbesitz. Das Programm ist von männlicher Schlichtheit: saufen, fressen, Sex mit Huren. Widerwillig, aber dank exquisit gepflegter Trägheit lässt sich Gelichs indolenter "Held" darauf ein. Und erlebt nicht nur ein spätpubertäres Hedonistenfest, sondern auch, wie auf halber Strecke überraschend ein Schwarzer an der Tür klingelt, der, nachdem er sich als christlicher Missionar entpuppt hat, eingelassen wird. Er ist, wie sich aus seinem fragmentarischen Bericht ergibt, illegaler Einwanderer und will Priester werden. Alle mit Ausnahme des Afrikaners sind heftig angetrunken. Max schlägt ihn derart schwer nieder, dass er blutend zusammenbricht. Um die Tat zu vertuschen, lässt das Quartett ihn auf der Burg, in Autosuggestion darauf hoffend, er möge sich wieder erholen. Schließlich erschießt der Ich-Erzähler den Delirierenden, die vier entsorgen die Leiche. Und sind am Schluss, mitten in den Festspielen, zufrieden mit sich. Als habe es nie einen Mord gegeben.

Kein Verlass aufs Bürgertum

Johannes Gelich hat ein Faible für hermetische Versuchsanordnungen. War es in Chlor aus dem Jahr 2006 ein Hallenbad, in dem der "frei gesetzte" Protagonist seine Zeit verbringt, so sind es nun verzweigte Burgzimmerfluchten. Die Räume sind auch kinematografische, indirekte. Nicht zufällig fällt einmal der Titel des Luis Buñuel-Films Das große Fressen. Diese Medialität streicht die Distanz heraus, die die Täter zu ihrer Tat besitzen. Vor allem der Ich-Erzähler ist völlig detachiert zu sich. Was sich im Fehlen direkter Rede spiegelt.

O.P. Zier veröffentlichte 2007 mit Tote Saison einen Salzburger Schlüssel(loch)roman, der ihm in der Stadt an der Salzach bis heute verübelt wird. Wird dies auch dem in Salzburg geborenen Gelich passieren, der mit drei Romanen seit 2003 in drei verschiedenen Verlagshäusern eine etwas unstete Autorenkarriere hinter sich hat? Dem steht die Geschliffenheit seiner Prosa entgegen, die auch ein Claude Chabrol, ebenfalls ein unerbittlicher Anatom der Mittelklasse, zu Papier hätte bringen können. Dass ausgerechnet die bürgerliche Frankfurter Allgemeine Zeitung diesen Roman um amoralische Bürger vorabgedruckt hat, zeigt, dass in bürgerlichen Kreisen kein Verlass ist aufs Bürgertum. Erst recht nicht hier. (Alexander Kluy, ALBUM/DER STANDARD, 23./24.08.2008)

Johannes Gelich, "Der afrikanische Freund" . Roman. € 16,50/176 Seiten. Wallstein Verlag, Göttingen 2008

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