Zwei Begegnungen - Hanno Millesi

22. August 2008, 17:28
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Im Kaffeehaus entdecke ich niemanden, der Peter Altenberg ähnlich sieht. Es sitzen nur Touristen herum, kichern und trinken aus Plastikflaschen

Im Abbildungsteil eines Katalogs, der sich mit den Wohnverhältnissen berühmter Künstler meiner Stadt beschäftigt, stoße ich auf Fotografien jenes Hotelzimmers, in dem Peter Altenberg einen Großteil seiner bekannten Werke verfasst hat. Die Wände des Zimmers sind mit gerahmten Bildern übersät. Fotos, Grafiken, Zeitungsausschnitte. Ich sehe beispielsweise eine Reihe von Porträts junger Frauen. Dazwischen taucht immer wieder das Konterfei des humorvollen Schriftstellers auf. Eine weitere Katalogabbildung zeigt Altenbergs Waschtisch mit Wasserschüssel und Krug. Sein Zimmer trägt die Nummer 51 und befindet sich im Grabenhotel in der Dorotheergasse 3 im 1. Bezirk. Ich beschließe Peter Altenberg dort zu besuchen. Schließlich verfüge ich über alle notwendigen Informationen.

In der Dorotheergasse angekommen, bin ich erst einmal überrascht. Im Erdgeschoß des Grabenhotels, in dem Peter Altenberg residiert, befindet sich eine Trattoria namens Santo Stefano. Um ehrlich zu sein, hatte ich mir das anders vorgestellt. Offenbar legt der Schriftsteller Wert auf Diskretion. Vielleicht sollen Spuren verwischt werden, oder all das ist Teil seines eigenwilligen Humors.

Nachdem ich mich vorgestellt habe, teile ich der Rezeptionistin mit, dass ich Peter Altenberg besuchen möchte. Mit einem verständnisvollen Lächeln bittet sie mich zu warten und tippt etwas in den Computer. Während ihre Pupillen den Bildschirm abtasten, verfinstert sich ihre Miene. Schließlich teilt sie mir mit, dass sich niemand dieses Namens unter ihren Gästen befindet. Mir ist klar, dass sie die Liste derjenigen durchgesehen hat, die vorgelassen werden dürfen. Ich weise sie darauf hin, dass es sich bei mir um einen Kollegen handelt, und sie nimmt an, dass ich ebenfalls in der Hotelbranche tätig bin. Ich antworte mit einem Seufzer und wiederhole, dass die ganze Stadt - was rede ich - die ganze Welt wisse, dass Peter Altenberg in diesem Hotel wohne. Die junge Frau wirkt eingeschüchtert. Wahrscheinlich weil sie einsieht, dass es unsinnig war, mich für einen Hotelier zu halten. Ich verheimliche nicht länger, dass ich sogar weiß, welches Zimmer Peter Altenberg bewohnt: Nr. 51 im 5. Stock.

Die dreiste junge Frau will mir weismachen, dass das Grabenhotel gar nicht über so viele Zimmer verfüge und der von mir gesuchte Herr - sie sagt tatsächlich der gesuchte Herr - daher unmöglich ein Zimmer 51 bewohnen könne. Offenbar folgt sie strikten Anweisungen. Ich bedanke mich höflich, als hätte ich meinen Irrtum eingesehen, und wende mich dem Stiegenaufgang zu, der zu den Zimmern führt. Mein Name mag auf keiner Liste aufscheinen, Peter Altenberg wird mich nichtsdestotrotz empfangen. Schließlich kenne ich intime Details seiner Lebenssituation und seiner Körperpflege.

Die Frau hat inzwischen ihr Rezeptionspult verlassen und stellt sich mir in den Weg. Einen Moment lang sieht es so aus, als müsste ich sie mit Gewalt beiseite räumen. Ehe mir das gelingt, kommt ein stattlich gekleideter Herr die Treppe herunter. Eine von ihm ausgehende autoritäre Aura bringt uns unverzüglich zur Räson. Mir ist die Situation peinlich, unabhängig davon, dass ich für ihre Eskalation nicht verantwortlich bin.

Zu meiner Überraschung wendet sich die Rezeptionistin mit meinem Anliegen an den unvermutet aufgetauchten Mann, als handle es sich bei ihm um einen von irgendwo oben herabgestiegenen Richter. Ich bin damit einverstanden, ihn als Unparteiischen zu akzeptieren, und erkläre, dass ich nichts weiter wolle, als Peter Altenberg auf Zimmer 51 zu besuchen. Der kompetent wirkende Mann sieht mich eindringlich an und bedeutet der ahnungslosen Angestellten, sich wieder an die Rezeption zu begeben. Er scheint begriffen zu haben, worum es mir geht, ich glaube sogar, dass er den Schriftsteller in mir erkennt. Verständnisvoll legt er einen Arm um meine Schulter und - man könnte fast sagen: geleitet mich behutsam zum Ausgang. Mein Widerstand bricht in sich zusammen. Bei mir, meint er, habe er es offenbar mit einem Bewunderer zu tun. Ich bejahe, obwohl das nicht ganz stimmt, aber da befinden wir uns bereits auf der Straße. Der elegante Herr deutet die Dorotheergasse entlang und sagt, von hier aus wäre es nicht weit zum Café Central, in dem sich Herr Altenberg - nun ja - zuletzt aufgehalten habe. Im Hotel habe man ihn jedenfalls schon längere Zeit nicht mehr gesehen.

Dieser Vorschlag birgt eine gewisse Logik. Schließlich nannte man Altenberg und seine ... Kumpane "Kaffeehausliteraten" . Oder nannten sie sich selbst so? Natürlich sitzen die tagsüber nicht in Hotelzimmern, sondern im Kaffeehaus, um sich von dessen Atmosphäre anregen zu lassen.

Im Kaffeehaus entdecke ich niemanden, der Peter Altenberg ähnlich sieht. Es sitzen nur ein paar Touristen herum, kichern und trinken, sobald der Kellner ihnen den Rücken zudreht, aus Plastikflaschen, die sie wahrscheinlich selbst mitgebracht haben. Als der missmutige Kellner an mir vorbeischlurft, erkundige ich mich, ob es so etwas wie ein Extrazimmer gibt. Der Blick, mit dem er mir antwortet, bedarf keiner Erläuterung.

Meiner Ansicht nach kann man es mit der Diskretion auch übertreiben. Kein Wunder, dass man von Peter Altenberg lange nichts mehr gehört hat. Möglicherweise hatte er das Leben in der Abgeschiedenheit seines Hotelzimmers satt. Zu Hause greife ich zum Telefonbuch. Unter dem Namen Altenberg finde ich nur einen Rainer, wohnhaft in der Obkirchergasse im 19. Bezirk, und einen Reinhard, Am Tabor 15, Stiege 2. Merkwürdig. Einen Peter gibt es erst weiter unten in der Spalte. Aber der heißt Alteneder. Er wohnt im 3. Bezirk, Esteplatz 7a. Einen Moment lang weiß ich nicht, welcher Ungenauigkeit ich weniger Bedeutung beimessen soll. Habe ich es nach wie vor mit einer Verdunkelung zu tun? Hat es Sinn, Peter Alteneder aufzusuchen?

Warum habe ich keinen der anderen Kaffeehausliteraten im Café Central angetroffen? Zum Beispiel Stefan Zweig. Der hat doch sicherlich kaum einmal gefehlt. Stefan Zweig wohnt in der Kochgasse Nr. 8. Ich weiß das von einer Ausstellung über berühmte Söhne und Töchter der Josefstadt, die ich mir vor einigen Jahren im Bezirksmuseum angeschaut habe. Schon damals dachte ich mir, dass sich die Adresse einer so hervorragenden Persönlichkeit eines Tages als nützlich erweisen könnte.

Unter dem Namen Zweig finde ich zwar einen Stefan, seine Anschrift lautet allerdings Mahlerstraße Nr. 5. Daneben stehen die Begriffe Wohn- und Textilobjekte.

Hat er etwa die Branche gewechselt? Höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine Investition, die unsicheren Zeiten vorbeugen soll. Schließlich hat er in seinem Leben bereits allerhand mitgemacht. Seine Literatur war zeitweise verboten, er selbst sah sich gezwungen, ins Exil zu gehen. Die Geschäftsräume befinden sich im Mezzanin.

Ein schmächtiger Herr lächelt mich an. Es handelt sich nicht um den Schriftsteller, dessen Aussehen mir von Fotos her vertraut ist. Ohne mir etwas davon zu versprechen, beginne ich mit: ... Herr Zweig ... ? Nein, nein, meine Annahme scheint ihn zu amüsieren. Das dachte ich mir, sage ich voll unterschwelliger Geringschätzung zu dem Mann, der einen grauen Arbeitsmantel trägt wie ein Bürokrat auf alten Aufnahmen. Der Chef ist so gut wie nie im Geschäft, versichert er mir. Ich überlege mir meinen nächsten Schritt, aber er kommt mir zuvor.

Er erledigt die meiste Arbeit von zu Hause aus.

Das leuchtet mir ein. Auch ich bin in meinen eigenen vier Wänden am kreativsten.
Übers Internet.

Na ja, warum nicht?

Oder er ist auf Reisen.

Für mich nichts Neues, schließlich kenne ich das Werk dieses Mannes.

Geschäftlich, Sie verstehen?

Und ob.

Dann ist er also tätig wie eh und je? Im Gesicht des Mitarbeiters von Stefan Zweig macht sich ein Anflug von Erstaunen bemerkbar. Natürlich ... wieso sollte er denn ...?

Wenn man lange nichts mehr von jemandem gehört oder gelesen hat, kann man das ja nicht wissen. Viele hören auf oder wechseln die Branche, sage ich und blicke mich dabei in den Geschäftsräumen um. Sagen Sie ..., wie kann ich mit Herrn Zweig in Kontakt treten?

Diese simple Frage scheint ihn stutzig zu machen. ... Also wissen Sie, ich fürchte, das wird nicht so einfach ... wie Sie sich das vorstellen ... sein. Im Grunde habe ich mit so etwas gerechnet.

Worum, bitte, geht es denn? Fachfragen, mein Lieber, ich glaube nicht, dass Sie damit etwas anfangen können. Normalerweise bin ich nicht so überheblich. Gleich darauf habe ich mich wieder im Griff.

Ich möchte Herrn Zweig zu seinen Schriften befragen. Zum Schriftverkehr also? Nun ja, zu seinen Büchern. Das Wort Bücher scheint bei Stefan Zweigs Mitarbeiter eine gewisse Nervosität auszulösen. Hastig kramt er aus einer Lade einen Block und einen Bleistift hervor.

Am besten wäre es, Sie schreiben mir hier Ihren Namen und Ihre Telefonnummer auf. Ich werde das dann weiterleiten.

Aber sicher. Dieses Spiel kenne ich. Schließlich bewege ich mich auch schon seit einiger Zeit in der Literaturszene. Wie es sich für einen Profi gehört, lasse ich mir nicht das Geringste anmerken.
Mit Vergnügen.

Selbstverständlich gebe ich einen falschen Namen an. Auch bei der Telefonnummer schummle ich. Es wird ohnedies niemand anrufen, und ich erspare mir eine weitere Demütigung. (Hanno Millesi, ALBUM/DER STANDARD, 23./24.08.2008)

Zur Person
Hanno Millesi , geb. 1966, lebt als Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschienen im Luftschacht Verlag: "Wände aus Papier" (2006). Im September erscheint "Der Nachzügler". 2 Begegnungen ist ein Ausschnitt aus dem gerade entstehenden Text, der sich den Grenzerfahrungen des Autors mit der österr. Literaturgeschichte widmet.

  • Hanno Millesi: "Mein Widerstand bricht in sich zusammen. Bei mir, meint
er, habe er es offenbar mit einem Bewunderer zu tun. Ich bejahe, obwohl
das nicht ganz stimmt, aber da befinden wir uns bereits auf der
Straße."
    foto: heribert corn

    Hanno Millesi: "Mein Widerstand bricht in sich zusammen. Bei mir, meint er, habe er es offenbar mit einem Bewunderer zu tun. Ich bejahe, obwohl das nicht ganz stimmt, aber da befinden wir uns bereits auf der Straße."

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