Talentewettbewerb: "Unvorstellbar viel Energie" verpufft in Administration

22. August 2008, 14:27
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Wittgenstein-Preisträger Markowich warnt, dass EU den Wettbewerb verlieren könnte - "eigentlich unzumutbarer" Arbeitsaufwand und "jämmerlicher Zustand" in Österreich

Alpbach - Im globalen Wettbewerb um Talente machen für den Mathematiker Peter Markowich Einwanderungs-Beschränkungen - sei es national oder auf EU-Ebene - keinen Sinn. "Im Gegenteil, wir müssen aufmachen. Wenn wir uns an diesem Wettbewerb nicht beteiligen, sind wir die Verlierer, und Europa läuft Gefahr, zur Dienstleistungsgesellschaft für die Asiaten zu werden", sagte Markowich. Der Wittgenstein-Preisträger des Jahres 2000, der an den Universitäten Cambridge und Wien lehrt, spricht bei den Alpbacher Technologiegesprächen zum Thema "Globaler Wettbewerb um globale Talente".

Die österreichische bzw. die europäische Wissenschaft müsste durch den Zuzug qualifizierter Fachkräfte gestärkt werden. Notwendig sei dafür politischer Konsens. "Doch in den letzten Jahren, vor allem seit Beginn der ÖVP-FPÖ-Koalition, wurde leider nichts anderes gemacht, als die Einwanderungsbedingungen zu verschlechtern", sagte Markowich.

"Eigentlich unzumutbar"

Als Beispiel nennt der Wissenschafter das international renommierte Johann Radon-Institut für computerorientierte und angewandte Mathematik (RICAM) in Linz, wo er als Gruppenleiter tätig ist. Aufgrund der Reputation dieses Instituts sei man sehr erfolgreich, ausländische Wissenschafter zu rekrutieren. "Es kostet aber wahnsinnig viel Arbeit und es verpufft unvorstellbar viel Energie damit, die Arbeits-Visa und Aufenthaltsgenehmigungen für die ausländischen Wissenschafter und ihre Familien zu bekommen. Das gleiche gilt für das Wiener Wolfgang Pauli Institut", das Markowich mitgegründet hat. "Was meine Administratorin mitgemacht hat, mit Fremdenpolizei, Magistrat usw., ist eigentlich unzumutbar." So könne man etwa einem Wissenschafter nicht anbieten, dass er für zwei Jahre kommen darf, aber seine Familie nicht. Markowich betont, gar nicht von der humanitären Immigration zu sprechen, "sondern von höchstqualifizierten Arbeitskräften, die trotzdem aufgehalten werden".

Positives Beispiel Großbritannien

Großbritannien dagegen würde einen "offenen Weg zur gezielten Immigration" gehen. Seine Administratorin in Cambridge sage ihm, dass sie jeden Postdoc aus der ganzen Welt nach England bekommen könne, "und das mit einer Vorlaufzeit von drei Monaten - das ist sensationell".

Oberhalb des Niveaus von Postdocs sei auch das derzeitige Dienstrecht an den Universitäten eine Hürde im Wettbewerb um Talente - das betreffe In- und Ausländer gleichermaßen. "Es ist ein Skandal, dass wir kein funktionierendes Dienstrecht an den Unis haben und dass Änderungen jetzt wieder aufgeschoben worden sind. Man kann Karrierewege von Wissenschaftern nicht aufhalten, nur weil sich rot-schwarz streiten. Das ist ein Zustand, der jämmerlich ist", sagte Markowich. Nachwuchswissenschafter in Österreich hätten längerfristig kaum Chancen, und "es herrscht Frust". Die sei auch abschreckend für internationale Wissenschafter, die mittel- bis längerfristig bleiben wollen.

Unabhängigkeit gefordert

Die Universität Cambridge mache in ihrer "totalen Unabhängigkeit" ihre eigenen Regelungen für Wissenschafterkarrieren. "Wir müssen auch in Österreich so weit kommen, dass sich jede Universität ihr eigenes Dienstrecht macht, unabhängig vom Ministerium, von Regierung, etc.", fordert Markowich.

Geld oder Reputation sind attraktiv

Auch Geld spielt in dem weltweiten Talent-Wettbewerb eine immer größere Rolle. Markowich sieht zwei Möglichkeiten, wie man für Wissenschafter attraktiv wird: einerseits mit großer Tradition und Reputation, wie etwa Cambridge. Dort würden "lausige Postdoc-Gehälter" bezahlt, noch unter jenen in Österreich. Dennoch wüssten junge Forscher, dass sich zwei Jahre in Cambridge für die Karriere auszahlen. Ein anderer Zugang sei viel Geld und hervorragende Ausstattung, wie man es derzeit etwa an der neuen King Abdullah University of Science and Technology (KAUST) in Saudi-Arabien sehe.

Auf Österreich lasse sich weder die eine, noch die andere Möglichkeit anwenden. Dennoch ist Markowich nicht pessimistisch, schließlich gebe es durchaus Institute, die international konkurrenzfähig sind. "Unterstützen wir doch solche Einrichtungen, statt neue, vermeintliche Prestigeprojekte in der niederösterreichischen Pampa", so Markowich. (APA)

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    Geöffnete Grenzen und durchsägte Grenzbalken wie auf diesem Archivbild vom Dezember 2007 ... es bleibt dennoch sehr schwer, qualifizierte ForscherInnen nach Österreich zu holen. Markowich spricht von einem "eigentlich unzumutbaren" Arbeitsaufwand und einem "jämmerlichen Zustand" in Österreich.

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