"Sie werden nie zu Geburtstagen eingeladen"

4. September 2008, 17:00
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Sie schlagen, lügen oder stehlen, doch eigentlich haben sie mit Ängsten und Isolation zu kämpfen - Ein Interview über aggressive Kinder und Jugendliche

Dörte Grasmann und Christina Stadler haben ein Verhaltenstherapeutisches Intensivtraining zur Reduktion von Aggression (VIA) entwickelt - ein multimodales Programm für Kinder, Jugendliche und Eltern. Im Gespräch mit derStandar.at/Gesundheit sprechen sie über die Hintergründe aggressiven Verhaltens, die Schwierigkeiten, die damit einhergehen und neue Therapiewege und wissenschaftliche Erkenntnisse.

derStandard.at: Sie haben eine eigene Ambulanz, in der aggressive Kinder und Jugendliche behandelt werden. Welche Kinder kommen denn zu Ihnen?

Grasmann: Das Altersspektrum der Kinder, die wir behandeln, erstreckt sich überwiegend vom Kindergartenalter bis hin zum jungen Erwachsenenalter. In unserer Aggressionssprechstunde haben wir uns auf diejenigen spezialisiert, die impulsives, oppositionelles, aggressives und delinquentes Verhalten zeigen. Gemäß der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) werden diese Verhaltensprobleme den Störungen des Sozialverhaltens zugeordnet.

derStandard.at: Wie äußert sich die aggressive Symptomatik?

Grasmann: Die Verhaltensprobleme variieren je nach Altersstufe. Die jüngeren Kinder verhalten sich meist aufsässig und oppositionell, zeigen Probleme mit der Einhaltung von Regeln oder fallen im Spiel durch einen unkooperativen, unfairen sowie aggressiven Umgang mit anderen Kindern auf. Bei den älteren Kindern werden häufig verbal oder körperliche Aggressionen sowie delinquentes Verhalten, beispielsweise Lügen oder Stehlen, berichtet.

derStandard.at: Welche Probleme haben diese Kinder und Jugendlichen in ihrem Leben?

Grasmann: Mit zunehmendem Alter beschränken sich die Schwierigkeiten nicht nur auf den familiären Rahmen. Vielfach kommen Probleme im Kindergarten, in der Schule oder Freizeitbezügen, wie dem Sportverein, hinzu. Die Folgen sind mitunter gravierend, beispielsweise, wenn es zu Suspendierungen aus Vereinsaktivitäten oder Schulverweisen kommt. Auch im Kontakt zu Gleichaltrigen kann es zu Ausgrenzung und Isolation kommen. Viele berichten, auf Geburtstagsfeste nicht eingeladen zu werden, keine oder nur wechselnde Freundschaften zu haben. In der Folge kann es zu einer emotionalen Beeinträchtigung, wie einer erhöhten Traurigkeit, einem reduzierten Selbstvertrauen oder sozialen Ängsten kommen.

derStandard.at: Gibt es Vorboten von Aggression?

Stadler: Häufig sind davor schon andere Symptome zu bemerken. Viele Kinder zeigen vorausgehend oder begleitend eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Damit einher gehen oft Probleme mit Gleichaltrigen, in der Schule oder mit den Eltern. Kommt es zu einem unangemessenen Umgang mit den Schwierigkeiten entwickeln sich häufig Störungen des Sozialverhaltens. Wenn die Kinder dann nicht behandelt werden, ist der Verlauf relativ ungünstig und es kann im Jugendalter vermehrt zu Drogenkonsum oder delinquentem Verhalten kommen.

derStandard.at: Erleben die Kinder ihr aggressives Verhalten positiv?

Stadler: Meist haben sie dadurch kurzfristig so etwas wie Erfolg, sie erleben Macht. Zum Beispiel dann, wenn sie andere schlagen und hierdurch den Status eines coolen Typen erhalten. Sie erleben das - auch wenn es konträr klingen mag - als positiv. Die anderen haben Angst, sie erreichen damit etwas.

derStandard.at: Warum entwickeln diese Kinder überhaupt aggressives Verhalten?

Stadler: Viele Faktoren spielen eine Rolle, die sich wechselseitig beeinflussen können. Kinder, die mit einem so genannten schwierigeren Temperament auf die Welt kommen, beispielsweise einen unruhigen Schlaf-Wach-Rhythmus haben, stellen oft eine besondere Herausforderung an die Eltern dar. Von Bedeutung ist auch, ob Eltern selbst psychische Probleme haben, aber auch sozio-ökonomische Faktoren wie Arbeitslosigkeit können sich negativ auswirken.

derStandard.at: Was weiß man über die neurobiologischen Zusammenhänge?

Stadler: Ebenso wie bei hyperkinetischen Störungen (ADHS), ist auch bei Störungen des Sozialverhaltens davon auszugehen, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielen können. Beispielsweise wissen wir, dass für eine erfolgreiche Selbstregulation und die Hemmung voreiligen impulsiven Verhaltens bestimmte Botenstoffe im Gehirn wichtig sind, fehlen diese bezeihungsweise werden unzureichend ausgeschüttet, ist vermehrt aggressives Verhalten zu beobachten.

Neuere Untersuchungen zeigen auch, dass bei manchen Kindern mit einer Störung des Sozialverhaltens ein Empathiedefizit gegeben zu sein scheint mit der Folge, dass diese Kinder Schwierigkeiten haben mit anderen mitzufühlen oder auch emotionale Reize richtig zu interpretieren. Für ein gesundes Kind ist der Anblick eines weinenden Kindes unangenehm und ist mit einer physiologischen Aktivierung verbunden (beispielsweise steigt die Herzrate) In der Folge werden Verhaltensstrategien eingesetzt, um diesen unangenehmen Zustand zu verringern (beispielsweise sich zu entschuldigen).

Auf hirnphysiologischer Ebene haben wir in einer eigenen Untersuchung festgestellt, dass bei aggressiven Kindern eine geringere Aktivierung gegeben ist. Das heißt, auch für Empathie und Mitgefühl scheinen biologische Faktoren eine wichtige Rolle zu spielen.

derStandard.at: Wie funktioniert das Verhaltenstherapeutische Intensivtraining?

Grasmann: Wir behandeln sechs Kinder in einem Gruppentraining über zehn Tage. Die Behandlungszeit entspricht einem tagesklinischen Setting. Wir sind von morgens mit nachmittags mit den Kindern zusammen. An den Abenden und Wochenenden sind die Kinder zuhause. Der Tagesablauf ist hoch strukturiert und beinhaltet unter anderem Einheiten zum sozialen Kompetenztraining, in denen die benannten Defizite ganz gezielt trainiert werden.

Anders als in ambulanten Trainings bietet die Tagesstruktur erweiterte Möglichkeiten, die Inhalte zu üben und auf andere Situationen anzuwenden. Beispielsweise nutzen wir eher unstrukturierte Freizeiteinheiten, in denen häufig Konflikte entstehen, um die Trainingsinhalte zu üben. Das deckt ein übliches Training oft nicht ab.

derStandard.at: Wie wirkt das Training, was haben Sie in Studien herausgefunden?

Stadler: Wir konnten zeigen, dass aggressive Verhalten signifikant abnimmt, aber auch die so genannten internalen Probleme wie Ängste oder Zurückgezogenheit. Wichtig ist, dass die Kinder Selbstbewusstsein aufbauen, ihre Stärken erkennen. Erst dann können sie wieder auf andere Kinder zugehen. Auch das hat sich verbessert und wir konnten zeigen, dass die Erfolge über einen längeren relativ stabil sind.

derStandard.at: Wie kommen die Eltern dabei ins Spiel?

Stadler: Wichtig ist das Elterntraining, das rund um dieses Intensivtraining angesetzt ist. Die Eltern werden drei Monate lang begleitet und in der Entwicklung neuer Erziehungsstrategien angeleitet, um das Erlernte in den Alltag zu übertragen. Wenn die Eltern motiviert mit arbeiten, erreichen wir die größten Erfolge. Der Effekt ist noch größer, wenn auch im schulischen Setting angesetzt werden kann.

derStandard.at: Wie lernen die Kinder mit belastenden Situationen umzugehen?

Stadler: Ärger ist etwas, was normal ist. Die Frage ist nur wie äußere ich Ärger angemessen. Sie müssen lernen zwischen aggressiv und selbstbewusst zu differenzieren. Gelegenheit zum Üben gibt es in unserem Training viel: Spätestens am zweiten Tag streiten sich die Kinder bei uns, was auch wichtig ist.

derStandard.at: Was geschieht, wenn aggressive Kinder nicht therapiert werden?

Grasmann: Man muss klar sagen, je früher und je umfassender die Störung, desto problematischer und ungünstiger die Prognose. Die sozialen Schwierigkeiten verstärken sich in weiterer Folge. Die Konsequenzen sind oft Probleme in der Kontakt- und Beziehungsgestaltung - nicht nur zu Freunden, Partner und Familie sondern auch im Beruf. (Marietta Türk, derStandard.at)

  • Dörte Grasmann ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und
Jugendalters am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Frankfurt am Main

    Dörte Grasmann ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

  • Christina Stadler ist Ärztin und leitende Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
 

    Christina Stadler ist Ärztin und leitende Psychologin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

     

  • Verhaltenstherapeutisches Intensivtraining zur Reduktion von AggressionMultimodales Programm für Kinder, Jugendliche und Eltern
Grasmann, Dörte, Stadler, Christina2008, Etwa 200 S. 20 Abb. in Farbe. Mit CD-ROMISBN: 978-3-211-79899-7
Erscheinungstermin: September 2008

    Verhaltenstherapeutisches Intensivtraining zur Reduktion von Aggression
    Multimodales Programm für Kinder, Jugendliche und Eltern

    Grasmann, Dörte, Stadler, Christina
    2008, Etwa 200 S. 20 Abb. in Farbe. Mit CD-ROM
    ISBN: 978-3-211-79899-7

    Erscheinungstermin: September 2008

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