US-Think-Tank: Auftraggeber "hören, was sie hören sollten"

21. August 2008, 19:21
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Die Rand Corporation ist eine der einflussreichsten wissenschaftlichen US-Denkfabriken

Die Rand Corporation gilt als eine der wichtigsten US-Denkfabriken. Dem Standard erzählte Rand-Chef James Thomson bei den Alpbacher Technologiegesprächen von neuen Projekten und dem Geschäft der Politikberatung - Peter Illetschko aus Alpbach.

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Nicht allen Mitgliedern der noch amtierenden Bush-Regierung soll der Inhalt jener Studie gefallen haben, die Forscher der Rand Corporation (Research ANd Development) vor wenigen Wochen vorstellten. Die Autoren Seth G. Jones und Martin C. Lebicki zogen in "How Terrorist Groups End" eine Bilanz der "Nach 9/11-Strategie der Terrorbekämpfung" und kamen zum Schluss, dass diese  bisher wenig zielführend gewesen sei. Die US-Regierung hätte zu stark auf das Militär gesetzt.

Das wiegt schwer, zumal die Rand Corporation einer der einflussreichsten wissenschaftlichen Thinktanks der USA ist und einige ihrer Experten später Top-Politiker wurden. Die heutige US-Außenministerin Condoleezza Rice arbeitete ebenso für die Denkfabrik wie Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der von 1981 bis 1986 Rand-Chef war.

Keine "Schlachtfeldlösung"

Dem 2006 aus der Regierung ausgeschiedenen Rumsfeld dürfte die neue Studie besonderen Ärger bereitet haben. Denn die Autoren kamen unter anderem zum Schluss, dass es keine "Schlachtfeldlösung" gebe. Man müsse daher den propagandistischen Terminus "Krieg gegen den Terror" aufgeben - der Begriff "Counterterrorism" (Terrorabwehr) sei passender.

Grundlage für diese Erkenntnisse: das eingehende Studium von 648 Terrortruppen, die seit 1968 aktiv waren. Diese Gruppen hätten sich aufgelöst, wenn "lokale Polizeibehörden oder Nachrichtendienste Schlüsselfiguren verhaftet oder getötet haben."

James Thomson, seit 1989 Präsident der Rand Corporation, sieht die Reaktion der Bush-Regierung etwas anders: "Gedämpft, aber auch durchaus positiv", sei sie gewesen, meinte Thomson am Rande der Alpbacher Technologiegespräche zum Standard. Dort sprach der Physiker gestern über "Anforderungen an Vermittler in einer parteipolitischen Welt".

Mit ihrer eigenen Vermittlungstätigkeit begann die Rand Corporation 1946 mit einem von der Air Force finanzierten Projekt, zwei Jahre später kam die Ford Foundation als Financier dazu. Seither bezeichnet sich Rand als unabhängige Forschungsorganisation. Die Denkfabrik berät US-Präsidenten und Ministerien, die unter anderem Einschätzungen von Verteidigungsstrategien und Studien zum Gesundheits- und Bildungssystem erhalten.

Zur Kritik, dass die Rand Corporation als rechts oder konservativ gelte, meint Thomson nur: "Solche Vorwürfe hören wir genauso oft wie die Anmerkung, dass wir liberale Freigeister sind." Aus seinem Umfeld verlautet gar, dass der Irakkrieg, wäre es nach Rand gegangen, nicht stattgefunden hätte. Auf der anderen Seite spricht man in den USA im Zusammenhang mit Rand freilich auch von einer Art Geheimdienst der Wissenschaften.

"Dressed to kill"

Thomson selbst erzählt lieber von aktueller Forschungsarbeit. Von einer Studie, die der US-Politik vorschlägt, die Schwächen der Wirtschaft und Politik im Iran auszunützen. Oder von Analysen, warum immer mehr Frauen zu Selbstmordattentätern im Irak werden. Vielsagender Titel: "Dressed to kill".

Dass die Auftraggeber US-Regierung, Militär und manchmal auch Wirtschaft sind, bereitet ihm kein Kopfzerbrechen. Manchmal haben die Rand-Wissenschafter auch Ideen - Studien, die dann von den Einkünften oder durch Philantropen finanziert werden.

Thomson demonstriert mit dem Brustton der Überzeugung Objektivität: "Gerade weil wir hart dafür arbeiten, objektiv bleiben zu können, greifen auch diese Auftraggeber immer wieder auf uns zurück" so Thomson. "Sie haben viele Menschen um sich, die ihnen sagen, was sie gerne hören. Uns engagieren sie, damit sie hören, was sie hören sollten." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. August 2008)

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