Das liegt an der besonderen Rolle, die die kurzen Laufstrecken in der öffentlichen Wahrnehmung spielen. Es könnte aber auch mit der Angst vor Dopingfolgen zu tun haben
Peking - Vergessen wir nicht den 400 Meter langen Hürdenlauf. Angelo Taylor vor Kerron Clement und Bershawn Jackson. Ein rein amerikanisches Siegespodest wie beim 400 Meter Lauf ohne Hürden, den LaShawn Merritt vor Favorit Jeremy Wariner und David Neville gewann. Und doch muss es einem so vorkommen, als wäre die amerikanische Leichtathletik plötzlich zum Vergessen.
Schon, schon: das jamaikanische Laufwunder. Bloß: wo bleiben die Amerikaner, die Paroli bieten? Wo sind sie in anderen Disziplinen? Im Weitsprung, in dem sich die USA vor Peking 22 von 24 Goldmedaillen genommen hatten, kam erstmals in der Olympia-Geschichte (zur Erinnerung: Premiere 1896) kein Amerikaner ins Finale. Auch Bernard Lagat, der aus Kenia in die USA übersiedelte Weltmeister, war über 1500 Meter vor der Entscheidung gescheitert.
Die Baisse kommt nicht von ungefähr. Sie hängt, davon gehen Kundige aus, mit dem Auffliegen des Dopingskandals um das kalifornische Balco-Labor zusammen. So wie vorher die Erfolge mit den Machenschaften des Labors zusammenhingen. Marion Jones, die vor acht Jahren in Sydney dreimal Olympiagold und zweimal -bronze gewonnen hatte, sitzt seit März eine sechsmonatige Haftstrafe ab - wegen Meineids. Die Medaillen musste sie zurückgeben.
Tim Montgomery, der ehemalige Jones-Ehemann und Sprintweltrekordler, rutschte noch tiefer: Scheckfälschung, Geldwäsche, Drogenhandel. Er wurde zu 46 Monaten Haft verurteilt, fünf weitere Jahre drohen. Der gemeinsame Trainer des ehemaligen Traumpaars, Trevor Graham, wurde schuldig gesprochen, falsch ausgesagt zu haben, am 5. September wird das Urteil verkündet, bis zu fünf Jahre Haft sind möglich.
Seit geraumer Zeit wird in der US-Leichtathletik nicht nur die Elite, sondern bis hinunter in den College-Sport kontrolliert. Dazu kommen die abschreckenden Beispiele, wobei jenes von Jones das herausragende ist. Jungen Leichtathleten wurde vor Augen geführt, dass ihnen im Dopingfall nicht bloß wie früher eine Sperre oder schlimmstenfalls das Ende der Karriere droht - junge Menschen sind da flexibel, und speziell in den USA gehen die wenigsten davon aus, ein und denselben Job über viele Jahre auszuüben.
Doch plötzlich stehen Gefängnisstrafen im Raum. Dass Jones nicht wegen Dopings an sich, sondern wegen Meineids in dem Zusammenhang verurteilt wurde, tut wenig zur Sache. Das Leugnen gehört zum Dopen wie das Gras in die Prärie.
Der Kurswechsel
Ob des Balco-Skandals wurden, teils ohne positive Test, teils ohne Geständnis, zwölf US-Leichtathleten verurteilt. Amerikas Anti-Doping-Agentur (Usada) sah Doping als erwiesen an. Zuvor hatten Usada und US-Leichtathletikverband jahrelang die Zügel schleifen lassen, Amerikaner wurden seltener und weniger streng als andere kontrolliert. Erst Druck des internationalen Verbands (IAAF) und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) bewegten die Behörden zum Kurswechsel.
Ein traditionelles Problem heißt Trials. Die Ausscheidungsbewerbe für Olympia finden stets wenige Wochen vorher statt. Dort müssen amerikanische Athleten in Hochform sein, um sich qualifizieren zu können. In den meisten Sportarten ist es schwierig, nach relativ kurzer Pause einen zweiten Saisonhöhepunkt einzuplanen.
Die Schwimmer erzielten bei früheren Spielen oft schlechtere Zeiten als bei den Trials, erst heuer und in Peking konnten sie, allen voran Michael Phelps, noch drauflegen. Die Leichtathleten hinken hinterdrein, Sprint-Weltmeister Tyson Gay beispielsweise schleppte eine leichte Verletzung mit, schied in Peking im Semifinale aus. Die Jamaikaner freilich müssen auch diesen Vergleich nicht scheuen, sie hielten ihre Meisterschaften zeitgleich mit den US-Trials ab. (Fritz Neumann aus Peking - DER STANDARD PRINTAUSGABE 22.8. 2008)