Als vierter Sprinter kann Bolt das Triple schaffen - Vorbilder: Owens, Morrow, Lewis - Jamaikas Teamarzt weist Dopingverdächtigungen zurück
Peking - Herb Elliott sieht nicht aus wie ein Arzt. Gut, es gibt auch andere Ärzte, die in die Jahre und in die Kilogramm gekommen sind, aber es gibt recht wenige Ärzte, die mit einem Jamaika-Shirt herumlaufen. Elliott ist Teamarzt der jamaikanischen Leichtathleten. Und wie es sich für den Teamarzt eines Mannes gehört, der Fabelweltrekorde fixiert, hat Elliott den Mann zur Pressekonferenz in die Katakomben des Vogelnests begleitet. Und weil um Usain Bolt sich Hunderte drängen, lehnt Elliott weit hinten an der Wand. Er gibt Antworten. Weil es Fragen gibt.
Doping? Nichts da, sagt Elliott. "Wir sind getestet worden, immer wieder." Genau gesagt, er selbst hat Bolt getestet. 15 Mal, um ganz genau zu sein. Hier in Peking habe Bolt sechsmal Besuch von Kontrolloren erhalten. Wer Zweifel äußere, soll laut Elliott "zur Hölle fahren" . Der bekannte deutsche Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer fährt natürlich nicht, sondern bleibt im FAZ-Interview dabei: "Es ist vollkommen klar, dass das nicht mehr menschliche Möglichkeiten sind."
Zweifel haben viele. Auch weil Bolt (22) offen-, wenn nicht absichtlich über 100 Meter eine bessere Zeit als 9,69 vergab, indem er sich weit vor dem Ziel abfeiern ließ. Darvis Patton (USA), der Achte im Finale, nennt Bolt "a freak of nature" . Das kann man so oder so verstehen. Laune der Natur? Monster? "Insane Usain" , auch das macht die Runde. Patton nach dem Rennen: "Haben Sie so etwas für möglich gehalten?" Wissenschafter sollen errechnet haben, dass der Mensch, und sie gingen vom denkbar schnellsten aus, mit lauteren Mitteln nur 9,80 laufen dürfte.
Selbst Laien fällt Bolts Laufstil auf, der sich so stark von jenem vieler anderer, kleinerer, kräftigerer Sprinter unterscheidet. Bolt (1,96, 86 kg) macht längere und also weniger Schritte als die Konkurrenz. Über 100 Meter waren es 41, andere brauchen zwei oder drei Schritte mehr. Entscheidend ist, dass Bolt seine längeren Schritte fast genauso schnell setzen kann wie die Gegner ihre kürzeren. Jenes Stakkato, das Michael Johnson, Bolts Vorgänger als 200-m-Weltrekordler, hingelegt hat, ist natürlich einzigartig, doch auch im 200-m-Rennen hielt Bolt bis ins Ziel durch.
Heute, Freitag, läuft er mit der jamaikanischen Sprintstaffel um sein drittes Gold. Er wäre erst der vierte, dem dieses Triple gelingt, nach Jesse Owens (1936), Bobby Morrow (1956) und Carl Lewis (1984). Er wäre der erste Nicht-Amerikaner. Wenn die Staffel gelaufen und Jamaika wieder ganz oben steht, gut möglich, dass dann Herb Elliott in den Katakomben schon auf die Fragen wartet. Und ganz gelassen Antwort gibt. (fri - DER STANDARD PRINTAUSGABE - 22.8. 2008)