"Die hätten gar nicht starten dürfen"

21. August 2008, 17:36
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Das offizielle Schweigen soll Spekulationen vorbeugen und bewirkt das Gegenteil - Gegen die Betroffenheit vieler Madrilenen kommt nach Flugzeugabsturz auch Fußball nicht an

Madrid - Carmen läuft die Theke entlang. Eine Kanne heißer Milch in der einen und eine Kanne kalter Milch in der anderen Hand. Doch statt die Gäste wie sonst zu fragen, ob sie ihren Milchkaffee zum Frühstück lieber ganz heiß oder nur lauwarm haben möchten, sagt sie immer wieder: "Der hätte doch gar nicht starten dürfen. Der hätte doch gar nicht starten dürfen." Im Frühstückscafé im Viertel Vallecas im Süden Madrids gab es am Donnerstagmorgen nur ein einziges Thema: Die möglichen Ursachen des Flugzeugunglücks vom Mittwoch. Und wie überall, wo es wenig Informationen gibt, blühten da vor allem eins: Spekulationen.

Die spanischen Behörden und die Fluglinie Spanair sind dafür mitverantwortlich. Im Bestreben, Gerüchten keinen Vorschub zu leisten, wollen sie über die möglichen Ursachen lieber gar nichts sagen. Nicht einmal das, was schon bekannt ist. Etwa, dass das Flugzeug schon am Startplatz stand, als der Pilot sich entschloss, noch einmal ans Terminal des Madrider Flughafens zu rollen.
Diesen Defekt wollte Spanair zunächst gar nicht bestätigen. Donnerstag erklärte ein Sprecher dann kryptisch: "Die Luftzufuhr erhitzte sich zu stark. Das Problem wurde isoliert." Auf Nachfragen erklärte er: "Der Schalter wurde abmontiert." Ob das bedeutet, dass ein Sensor abgestellt wurde und der Motor daher überhitzen konnte, wollte niemand von der Airline erklären. Für Carmen in ihrer Café-Bar steht daher fest: "Die haben das nicht richtig repariert."

Auf dem großen Plasma-Bildschirm über dem Eingang läuft eine Zusammenfassung der Geschehnisse. Besonderes Interesse weckt ein Bericht über die Ankunft eines Busses auf dem Madrider Messegelände, wo eine improvisierte Leichenhalle eingerichtet ist. Im Bus sitzen Angehörige der Todesopfer, die von den Kanarischen Inseln nach Madrid gebracht worden sind. "Wie grausam" , sagt Carmen. "Jetzt müssen sie ihre Kinder identifizieren."

Die Spanier haben bei solchen Unglücken ein großes Bedürfnis nach Anteilnahme. Ein Gerichtsmediziner im Fernsehen beruhigt die Gäste in der Bar: Niemand werde vor eine verkohlte Leiche gestellt. Die Angereisten sollten nur über Schmuck oder Uhren aussagen, die nicht verbrannt wären. Oder eine DNA-Probe abgeben. Sie würden psychologisch betreut. Ein Gast macht einen makabren Scherz - und wird mit einem bösen Blick zum Schweigen gebracht.

Danach geht das TV-Leben weiter: Man zeigt eine Zusammenfassung des Fußballspieles Spanien gegen Dänemark. Aber kein Gast schaut hin. Ein Bauarbeiter rührt betreten im Kaffee und artikuliert, was in vielen Gesichtern steht: "Die hätten nicht antreten dürfen." (Hans-Günter Kellner aus Madrid, DER STANDARD - Printausgabe, 22. August 2008)

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    Bei den Madrilenen herrschte am Tag nach der Flugzeugkatastrophe tiefe Betroffenheit.

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