Die Frau hinter dem Bombengürtel

21. August 2008, 17:26
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Wenn sich Frauen in die Luft sprengen, werden meist emotionale Motive oder Zwang vermutet - Jüngste Forschungen widersprechen dieser Vorstellung jedoch

Im ganzen Jahr 2007 waren es acht – doch heuer hält die Zahl der Selbstmordattentäterinnen im Irak bereits bei 30. Damit sind die Irakerinnen dabei, die Statistik auf den Kopf zu stellen, die die Häufigkeit von Selbstmordattentaten von Frauen in den Jahren von 1985 bis 2006 (insgesamt 220 Fälle) länderweise folgendermaßen reihte: 1. Sri Lanka, 2. Israel/Palästina, 3. Tschetschenien.

So nebenbei enthält diese Statistik auch die Information, dass das Phänomen keineswegs ein islamisches ist. Und es ist auch kein religiöses, auch dann nicht unbedingt, wenn es sich in einem islamischen Umfeld ereignet – dem boulevardesken "Allahs Bräute"-Klischee, das der Religion noch den Sex zugesellt, zum Trotz.

Die PKK, der niemand eine islamistische Agenda nachsagen wird, hat eine besonders hohe Attentäterinnenquote (76 %), genauso wie früher die Syrische Sozialistische Partei während des Libanon-Bürgerkriegs (45 %). 85 Prozent aller weiblichen Selbstmordattentate seit 1981 wurden im Namen säkularer Gruppen verübt, schreibt Lindsey O’Rourke in der Herald Tribune.

Wobei die Zuordnung manchmal nicht klar sein dürfte: Auch bei islamischen Gruppen ist der Islam ja oft nur Teil der Agenda, wie bei den tschetschenischen Separatisten oder den palästinensischen Islamisten.

Längst ist das Thema auch wissenschaftlich bearbeitet, und ohne es empirisch beweisen zu können, liegt die Vermutung nahe, dass am öftesten über Täterinnen im israelisch-palästinenischen Konflikt geschrieben wurde (so auch an der Universität Wien: Claudia Brunner, Männerwaffe Frauenkörper?, Braumüller 2005). Im Vordergrund steht die Motivforschung, wobei die Frage allein ja schon zu implizieren scheint, dass Frauen andere, emotionalere Motive haben als Männer und dass sie es quasi tun, obwohl sie Frauen sind.

Ein gestern in der Los Angeles Times erschienener Irak-Artikel ("Grooming a Female Suicide Bomber") ist ein schönes Beispiel, wie Medien darüber berichten: Frauen "werden ausgenützt" und "überredet", solche Taten zu begehen. Es ist nie ganz ihre eigene Entscheidung. O’Rourke macht auf den Fall von zwei Selbstmordattentäterinnen aufmerksam, die in irakischen Medien als "geistig zurückgeblieben" bezeichnet wurde, was sich als falsch erwies.

Auch die Geschichten über "gefallene" Frauen, die sich durch die Tat reinwaschen, boomen. Brunner verweist auf den "kommunikativen Mehrwert" dieser Attentate: Sie bekommen mehr Öffentlichkeit – auch in westlichen Medien, die sich in der Perzeption, dass Frauen so etwas eigentlich nicht tun, und schon gar nicht in "so einer" Gesellschaft, also nicht unterscheiden. Bei Frauen muss sozusagen mehr als die Schraube locker sein, die einen Mann dazu bringt, sich in die Luft zu sprengen und möglichst viele mitzunehmen.

Die Forschung von O’Rourke (und anderen) kommt hingegen zu folgendem Ergebnis: Die Motive von Täterinnen unterscheiden sich in den allermeisten Fällen nicht von jenen von Männern. Das heißt, sie sind gar nicht "emotionaler" und nicht weniger "politisch".

Im Irak dürfte die jüngste Zunahme aber auch ziemlich pragmatische Gründe haben: Bei heute beinahe undurchlässigen Sicherheitsmaßnahmen kommen Frauen einfach viel besser durch, der Sprengstoffgürtel lässt sich unter einer schwarzen Abaya besonders gut verstecken – was auch dazu geführt hat, dass als Frauen verkleidete Männer Attentate ausführen. Ein irakischer Sicherheitsmann, der eine Abaya-Trägerin abtastet, ist kulturell unmöglich. Jetzt werden die ersten weiblichen Bürgerwehren aufgestellt, in den schiitischen Pilgerstädten gibt es bereits Polizistinnen.

Es mag auch sein, dass Al-Kaida im Irak deshalb vermehrt auf Einheimische zurückgreift, weil sie jetzt ihre Schwerpunkte nach Pakistan und Afghanistan verlegt hat und international eher für dort rekrutiert. Diese Lücken füllen, wie auch in anderen Bereichen von Kriegsgesellschaften, Frauen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.8.2008)

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    Foto: APA/EPA/English National Opera

    Die Motive von Täterinnen unterscheiden sich in den allermeisten Fällen nicht von jenen von Männern. Das heißt, sie sind gar nicht "emotionaler" und nicht weniger "politisch".

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