"Der Kreml versteht es, in alten Wunden zu bohren"

22. August 2008, 13:12
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Der Historiker Nikita Petrov im derStandard.at-Interview über patriotisch eingefärbte Schulbücher, die Rückkehr der sowjetischen Ideologie und russische Drohgebärden

Als "gefährlich und unüberlegt" bezeichnet der russische Historiker Nikita Petrov den "Rückfall Russlands ins alte Blockdenken". Die Nato hätte gut daran getan, Georgien und der Ukraine schon im März einen konkreten Beitritt anzubieten, dann wäre die Krise in Georgien vermeidbar gewesen. Nun sei auch die Lage für die Ukraine eine prekäre.

Die sowjetische Ideologie sei jedenfalls noch lange nicht tot und Russlands Führung arbeite daran, eine Bevölkerung der Patrioten heranzuziehen. Diese denke über den Konflikt mit Georgien in Fußballkategorien. Nach dem Motto: "Die Jungs kämpfen für uns und das Wohl Russlands".

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derStandard.at: Nicht nur der Einmarsch russischer Truppen in Georgien selbst, auch die Begründung der russischen Führung für diesen Schritt wurde in letzter Zeit oft mit dem Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei 1968 verglichen. Lässt sich zwischen der Situation heute und dem Prager Frühling eine Parallele ziehen?

Petrov: Es wäre einfach für mich, diese Frage mit "Ja" zu beantworten. Natürlich gibt es Ähnlichkeiten. In erster Linie weil Russland immer versucht, Probleme mit den Nachbarländern mit Gewalt zu lösen. Das sind die urtümlichen Eigenschaften der russischen Politik, das ist aber nichts Neues. Der tiefere Sinn des Geschehens damals bestand aber darin, dass die Breschnew-Regierung um die Destalinisierung des Blocks und die interne Disziplin gekämpft hat. Heute gibt es keinen ideologischen Hintergrund, sondern nur einen imperialistischen.

derStandard.at: Die sowjetische Ideologie gehört der Geschichte an?

Petrov: Im Jahr 1991 habe ich das zumindest gedacht. Aber jetzt sehe ich, dass es nicht so ist. Die Ideologie hat sich reduziert, aber er ist nicht tot. Aber man sollte hier keine Prognosen machen, denn niemand kann sich auch nur im Traum vorstellen, wie schnell Russland in die alte sowjetische Denkweise zurückfallen könnte.

derStandard.at: Sie forschen über den sowjetischen Unterdrückungsstaat und sind nach eigener Definition auf der Suche nach der "historischen Wahrheit". Wird Ihnen darin freie Hand gelassen?

Petrov: Es wird immer schwieriger, meine Forschung durchzuführen und deren Ergebnisse auch darzustellen. Die heutige russischen Führungselite neigt dazu, zu pauschalieren. Sie ist der Meinung, dass die Geschichte als Wissenschaft den Zweck hat, aus der jüngeren Generation eine Generation der Patrioten zu formen.

derStandard.at: Schlägt sich das in den Schulbüchern nieder?

Petrov: Ja, vor allem in letzter Zeit. Man versucht derzeit ein einziges Lehrbuch mit einer sehr einseitigen, patriotisch gefärbten Betrachtungsweise der Geschehnisse in der Sowjetzeit zu etablieren. Seit der Mitte der Neunzigerjahre muss man sagen, gibt es die Tendenz, zum Patriotismus und nicht zur differenzierten Betrachtungsweise zu erziehen.

derStandard.at: Gab es innerhalb Russlands nur Zustimmung für das militärische Einschreiten in Georgien?

Petrov: Es gab zwar kritische Stimmen, aber wenige. Der Kreml kontrolliert beinahe alle Medien. Von denen ist natürlich nur einheitliche Propaganda zu erwarten. Und diese Propaganda wird vom Volk nicht in Frage gestellt, weil die Masse kein aktives Interesse an Politik hat. Für den Kreml ist es natürlich sehr bequem, wenn die Bevölkerung in patriotischen Fußballkategorien denkt. Nach dem Motto: "Die Jungs kämpfen für uns und das Wohl Russlands".

derStandard.at: Fühlen sich die russischen Minderheiten auch als Patrioten?

Petrov: Die Minderheiten sind in einer schwierigen Lage. Würden sie in Russland leben, hätten sie genau die gleichen Probleme wie in Südossetien oder Abchasien, denn sie sind keine Russen. Der Kreml versteht es aber geschickt, in alten Wunden zu bohren und Ressentiments zu schüren. So gelangen die Menschen zu dem Schluss, dass Russland das kleinste gemeinsame Übel sein muss.

derStandard.at: Abchasiens de facto-Regierung hat Russland gebeten, seine Unabhängigkeit anzuerkennen und damit auch indirekt ein militärisches Eingreifen Russlands für unangebracht empfunden. Denken Sie, dass Russland die Unabhängigkeit Abchasiens anerkennen wird?

Petrov: Eine symbolische de-jure Unabhängigkeit werden sie vielleicht bekommen, in der Realität werden sie von Russland abhängig bleiben.

derStandard.at: Dann hat die Georgienkrise nichts am Status geändert?

Petrov: Absolut nicht. Hier ist nur eine alte Wunde aufgebrochen.

derStandard.at: Große russische Minderheiten haben zum Beispiel auch die Ukraine und Moldawien (Transnistrien). Ist eine gewisse Besorgnis dieser Länder nun angebracht?

Petrov: Ich verstehe, dass diese Situation ein beunruhigendes Beispiel für diese Länder ist. In der Ukraine ist die Situation prekär. Solange die Ukraine nicht der Nato angehört, haben die Russen ja freie Hand. Das Szenario dafür ist schon seit langem ausgearbeitet. Das fing damit an, dass russische Pässe ausgeteilt wurden.

derStandard.at: Ist die Nato wirklich ein Schutz oder zeigt nicht vielmehr die aktuelle Krise, dass sich der Westen einfach nicht militärisch mit Russland anlegen will?

Petrov: Es ist nicht so einfach, eine solche Prognose zu machen. Aber man kann davon ausgehen, dass - sollte es zu einer ähnlichen Situation in einem Nato-Land Ukraine kommen - Russland darauf baut, dass die Nato in einer Frage des militärischen Eingreifens gespalten ist.

derStandard.at: Sollen Georgien und die Ukraine trotzdem beitreten?

Petrov: Es wäre das beste gewesen, den beiden Ländern schon im März beim Gipfel in Bukarest eine Aufnahme zu versprechen. Jetzt sehen wir uns mit einer Rückkehr zum Blockdenken konfrontiert. Es ist nicht so, dass sich Europa von Russland abgeblockt hat, sondern Russland hat sich bewusst von Europa abgeblockt. Tendenz steigend.

Meiner Meinung nach war es von Russland gefährlich und unüberlegt, diesen Weg zu betreten. Differenzen zwischen unterschiedlichen Ländern gab es schon immer. Aber Russland legt es darauf an, diese Differenzen zu stärken, statt sie zu glätten.

derStandard.at: Was bedeutet das für Russlands strategischer Partnerschaft mit dem Westen, zum Beispiel für ein gemeinsames Vorgehen in Krisen im Naher Osten, im Iran oder in Afghanistan?

Petrov: Es ist natürlich keine statische Konzeption, sondern vielmehr ein dynamischer Prozess. Derzeit entwickelt sich Russland wieder hin zur sowjetischen Identität. Wenn die Bevölkerung glaubt, dass die ganze Welt gegen Russland ist, entzieht sich die Regierung den Spielraum und kann sich international auch nicht engagieren.

derStandard.at: Sehen Sie die Stationierung des umstrittenen US-Raketenschildes in Polen als Provokation für Russland?

Petrov: Nein. Ich glaube nicht, dass zehn Raketen Russland real bedrohen können. Russland braucht einfach nur einen Anlass für seine Aktionen. Die Reaktion Russlands auf diesen Vertrag ist in meinen Augen übergeschnappt. Aber es ist eine bewusst gesetzte Reaktion. Russland will in die Gehirne seiner Bevölkerung so die Idee einbrennen, dass sich rundherum ausschließlich Feinde befinden. (Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 22.8.2008)

Nikita Petrov ist Historiker und Mitarbeiter des "Memorial" Moskau, einer Organisation die sich mit der Aufarbeitung der politische Repressionen der Sowjetzeit beschäftigt.

  • Petrov: "Die Führungselite ist der Meinung, dass die Geschichte als Wissenschaft den Zweck
hat, aus der jüngeren Generation eine Generation der Patrioten zu
formen."
    foto: derstandard.at

    Petrov: "Die Führungselite ist der Meinung, dass die Geschichte als Wissenschaft den Zweck hat, aus der jüngeren Generation eine Generation der Patrioten zu formen."

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