Schulanfang mit ADHS

21. August 2008, 10:16
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Wurde die Diagnose der Aufmerksamkeitsstörung schon vor der Einschulung gestellt, solle man die Lehrer schon im Voraus informieren, rät Mediziner Brandstetter

Wien - Zehntausende Buben und Mädchen fiebern dieser Tage wohl mit großem Herzklopfen ihrem ersten Schultag entgegen. Die Eltern der Taferlklassler sind oft nicht minder aufgeregt und hoffen, dass sich ihre Sprösslinge wacker schlagen werden. Besonders groß ist die Nervosität bei Müttern und Vätern, deren Kinder unter Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) leiden - ahnen sie doch, dass es Probleme geben könnte. Um den Betroffenen den Schulalltag zu erleichtern, sollten die Lehrer bereits im Vorfeld informiert werden, sagte Patricia Spari vom Verein für hyperaktive Kinder Oberösterreich.

Sie wollen Freunde, finden aber keine

"Diese Kinder sind ständig die Sündenböcke", berichtete Spari, selbst Mutter zweier Kinder, die unter ADHS leiden. Sogenannte "Zappelphilippe" können schwer stundenlang sitzen bleiben, lassen sich leicht ablenken und sind manchmal auch streitsüchtig. Oft bekommen sie den "Klassenclown"-Stempel ob ihrer Schussligkeit schon in den ersten Schulwochen aufgedrückt. Wenn sie auch nach außen aggressiv und unnahbar wirken, leiden sie darunter sehr, erzählte die 36-Jährige. "Sie wollen Freunde, finden aber keine." Weil ADHS-Kinder "immer irgendwie aus der Reihe fallen", werde die Schule schnell zum "Psychodruck" - für die Kleinen wie die Großen.

Sensibilität bei Pädagogen gestiegen

Wurde die Diagnose ADHS schon vor der Einschulung gestellt, sollte man "mit offenen Karten spielen", sagte Friedrich Brandstetter, ärztlicher Leiter des Wiener Zentrums für Entwicklungsförderung (ZEF). Viele Lehrer seien froh, wenn sie über die Erkrankung eines Kindes in Kenntnis gesetzt werden. Gegebenenfalls können sie sich dann über ADHS informieren. Die Sensibilität bei Pädagogen sei in den vergangenen Jahren sehr gestiegen, meinte Birgit Neophytou, Leiterin der Ambulanz für Neuropädiatrie und der Anfallsambulanz im St. Anna Kinderspital. Ob man auch mit den Mitschülern über die Erkrankung sprechen soll, müsse man im Einzelfall abwägen, sagte Brandstetter.

Hausaufgaben, eine stundenlange Qual

An ADHS Erkrankte sind aber nicht nur in der Schule Konflikten ausgesetzt, sondern haben auch daheim mit Rechnen und Co. zu kämpfen. Hausaufgaben, für die andere Kinder nur kurze Zeit brauchen, können für einen "Zappelphilipp" zur stundenlangen Qual werden. Das setzt auch Eltern ordentlich zu. Sie sind oft von Selbstzweifeln geplagt und mitunter nervlich völlig am Ende, schilderte Spari. "Warum haben andere so brave Kinder?" oder "Mein Kind liebt mich nicht", gehe vielen durch den Kopf, wenn ihr Sprössling nicht und nicht das tut, was von ihm verlangt wird.

Medikamentöse Behandlung

Es sei nicht sinnvoll, ein Kind jeden Tag fünf Stunden lang zu drillen, so Neophytou. Dadurch entstünden noch mehr Probleme. Wenn es "einfach nicht geht", solle man über eine medikamentöse Behandlung nachdenken, riet die Fachärztin. Dann können Aufgaben schneller erledigt werden und das Kind hat mehr Zeit zum Spielen.

Keine Ablenkung und Selbstinduktionstraining

Bei einer leichteren ADHS-Form kann es hilfreich sein, gemeinsam mit dem Kind einen Lern- und Hausaufgaben-Plan zu erstellen. Organisation sei für ADHS-Kinder besonders wichtig, da sie ohnehin leicht im Chaos versinken. Wie man Dinge Schritt für Schritt erledigt, können die Betroffenen etwa beim sogenannten Selbstinduktionstraining lernen, sagte Neophytou. Dabei werden sie darauf trainiert, sich Sätze wie "Habe ich jetzt alles erledigt?" vorzusagen. Ein weiterer Tipp: Auf dem heimischen Schreibtisch sollte es aufgeräumt und im Lernzimmer möglichst ruhig sein. Ein eingeschalteter Fernseher, lärmende Geschwister oder eine Baustelle vor dem Fenster machen das Konzentrieren unmöglich.

Folge der Aufmersamkeitsstörung: Hyperaktivität

ADHS zeichnet sich durch drei Gruppen von Symptomen, nämlich Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität aus, erklärte Brandstetter. Die Aufmerksamkeitsstörung - das primäre Problem bei ADHS - trete meist schon im Vorschulalter auf, sagte Neophytou. Die Hyperaktivität sei dann eine Folge dieses Defizits. Zwischen drei und zehn Prozent aller Kinder leiden an der Erkrankung. Die Ursachen für ADHS sind noch nicht restlos geklärt.

Individuelle Behandlungspläne

Bei jedem betroffenen Kind können psychische, körperliche und soziale Faktoren - in unterschiedlichem Ausmaß - eine Rolle spielen, so Brandstetter. Dementsprechend vielfältig sind auch die Therapieformen. Bezüglich Lernen und Verhalten in der Schule für jedes Kind ein individueller Behandlungsplan zu erstellen. Auch wenn "Zappelphilippe" ihre Umwelt manchmal zur Weißglut bringen, "darf man nicht vergessen, dass sie auch wunderbare Eigenschaften haben", konstatierte Spari. (APA)

 

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