Selbst Usain Bolt kann nicht immer locker heimlaufen. Über 200 Meter musste sich der Jamaikaner anstrengen, um erneut Weltrekord zu laufen. Am Tag vor seinem 22. Geburtstag holte er in 19,30 Sekunden wieder Gold
Peking - 91.000 Zuseher im Vogelnest stimmten ins Geburtstagslied für den neuen König der Leichtathleten ein. Der Regent tanzte derweilen mit der Fahne auf der Tartanbahn. "Ich bin die Nummer eins" , schrie Bolt, der über seine Lieblingsstrecke schon 2002 im zarten Alter von 15 Jahren Junioren-Weltmeister geworden war.
Bolts Triumph über die halbe Stadionrunde war nie gefährdet gewesen. Gut 50 Meter vor dem Ziel lief der 100-Meter-Olympiasieger und -Weltrekordler (9,69) nur noch gegen die Uhr. Die blieb bei 19,31 Sekunden stehen, wurde dann auf 19,30 korrigiert. "Lightning" Bolt, der erste Sprint-Doppelolympiasieger seit Carl Lewis (1984 in Los Angeles) blieb damit zwei Hundertstel einer Sekunde unter dem alten Weltrekord, den Lewis' US-Landsmann Michael Johnson anlässlich der Spiele 1996 in Atlanta aufgestellt hatte. Seine eigene Bestzeit, am 11. Juli in Athen gelaufen, drückte Bolt um 0,37 Sekunden - ein Quantensprung quasi. Zumal bei einem steifen Gegenwind von 0,9 Metern pro Sekunde.
Johnson selbst hatte nicht recht an Bolts zweiten Weltrekord glauben wollen. "Meine Bestzeit wird auch nach diesem Finale stehen" , prophezeite der mittlerweile 40-Jährige Texaner, der nach seiner insgesamt vierten Goldmedaille, 2000 in Sydney über 400 Meter erlaufen, abgetreten war. Nach dem Rennen war er völlig aus dem Häuschen. "Superman 2 - unglaublich. Das war noch fantastischer als sein Sieg über 100 Meter" , ächzte er in ein Mikrofon der BBC.
In Atlanta hatte Johnson die damals 17 Jahre alte Bestzeit des Italieners Pietro Mennea gelöscht, der seinerseits 1979 in der Höhenlage von Mexiko-Stadt unfassbare 19,72 Sekunden gelaufen war. Als erster Mann unter 20 Sekunden war aber im Oktober 1968 der US-Amerikaner Tommie Smith geblieben. Bei der Siegerehrung nach seinem olympischen Triumph in 19,83 Sekunden hatte Smith zusammen mit seinem drittplatzierten US-Landsmann John Carlos mit geballter, behandschuhter Faust gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA protestiert.
Unmittelbar nach Bolt lief Melaine Walker über 400 m Hürden die fünfte Goldmedaille für Jamaika ein. Sie blieb in 52,64 gleich mehr als acht Zehntelsekunden unter ihrer alten Bestzeit. Und damit ist die Goldschürferei der Sprinter von der Karibikinsel noch nicht beendet. Am Donnerstag stehen das 200-m-Finale der Damen an. Die Sprintstaffeln sind ebenfalls noch ausständig.
Schwere Zweifel
Bolts Dominanz im Besonderen und Jamaikas Goldflut im Allgemeinen lässt die chancenlose Konkurrenz immer schwerer um Contenance ringen. Verloren hat sie der Deutsche Tobias Unger. Der 29-Jährige, in Athen Finalist über 200 Meter, in Peking im Zwischenlauf über 100 Meter binnen 10,36 Sekunden gescheitert, nannte die Vorstellungen des unfassbaren Jamaikaners in der Sport-Bild eine "Riesenverarschung". Bolt zeige keine Schwächen nach langen Reisen, keine Müdigkeit.
"Die springen auf ihrer Insel rum, wie sie wollen, denen passiert gar nichts", wütete Unger. Der persönliche Augenschein machte ihn sicher: "Bolt hat sich nicht mal warmgelaufen. Der kam in Badehose und Joggingschuhen, hat eine Steigerung und einen Start gemacht, seine Spikes angezogen und ist dann 100 Meter in 9,92 Sekunden gejoggt." Angesichts der Tatsache, dass von den in Peking akkreditierten Sprinternationen nur 25 über eine Anti-Doping-Agentur verfügen, fordert Unger ein olympisches Startverbot für Athleten, die zu Hause keinem Kontrollsystem unterworfen sind. (red, DER STANDARD, Printausgabe, 21.08.2008)