Der "gute Krieg" läuft schlecht

20. August 2008, 22:01
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In Afghanistan zwingt eine Offensive der Taliban die USA, ihre Strategien zu überdenken

Wer den Ausdruck "guter Krieg" - im Gegensatz zum "schlechten", das heißt zum mit einer falschen Begründung begonnenen Irakkrieg - für Afghanistan zum ersten Mal verwendet hat, ist nicht mehr eindeutig zu klären. Jedenfalls trifft auch der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama diese Unterscheidung. Und der den USA "aufgezwungene" Krieg gegen die Urheber von 9/11, Al-Kaida und die sie damals beherbergenden Taliban, genoss und genießt auch international große Unterstützung. Sonst wäre die Nato nicht dort.

Die Taliban wurden noch 2001 gestürzt, aber dennoch ist dieser Krieg fast sieben Jahre nach Beginn, im Jahr 2008, nicht nur nicht zu Ende, der "gute Krieg" läuft schlecht. Seit 2006 steigen Angriffe und Opferzahlen, diese Woche erlitt die französische Armee den größten Verlust in einem Einzelangriff in diesem Krieg. Die Attacke kam von einer "ungewöhnlich großen Zahl von Aufständischen". Gegen ein US-Militärcamp wurden am selben Tag 15 Selbstmordattentäter gleichzeitig losgeschickt.

Die Debatten über die Lage ähneln denen über den Irak, als dieser 2006 zu entgleiten drohte: Der scheidende Nato-Oberkommandierende Dan McNeill sagte im Juni, nach den Regeln der "counter insurgency", der Aufstandsbekämpfung, bedürfte es einer Truppe von 400.000 Mann in Afghanistan. Nato und USA bringen es auf 60.000, wovon viele nicht kämpfen, sondern im Wiederaufbau beschäftigt sind. Die afghanische Armee hat 70.000 Soldaten, ein anderes Kapitel ist deren Einsetzbarkeit. Aber laut US-Plänen soll sie auf 120.000 aufgestockt werden.

Kein Wunder, dass angesichts der Lage nach dem US-Wunderwuzzi David Petraeus gerufen wird. Die im Irak gelernten Lektionen sollen in Afghanistan angewendet werden. Selbstverständlich gibt es Parallelen, Afghanistan hat aber seine ganz eigenen Probleme.

Die als löchrig beklagten irakischen Grenzen befinden sich beinahe noch im Idealzustand verglichen mit jener zwischen Afghanistan und dem Rückzugsgebiet der Taliban in Pakistan, dessen Territorium immer mehr zum Kriegsschauplatz wird. Republikanische US-Abgeordnete haben als erste Reaktion auf den Rücktritt von Pakistans Präsident Pervez Musharraf das Hochfahren eines gewaltigen ISR-"Vorhangs" (Intelligence, Surveillance, and Reconnaissance, d. h. Aufklärung und Überwachung mithilfe von mit Kameras ausgestatteten unbemannten Drohnen) zwischen den beiden Ländern verlangt. Realistischer ist, dass die USA im Südosten Afghanistans, wo die Lage am schlechtesten ist, der Nato die Zügel langsam aus der Hand nehmen werden. Es soll damit anfangen, dass der US-Oberkommandierende wieder direkt dem US Central Command untersteht, also aus der Nato-Kommandokette ausbricht.

Afghanistan leidet im Moment auch darunter, dass Al-Kaida und der internationale Djihadismus ihren Fokus vom Irak weg verlagert haben. Dass die Radikalen wieder mehr reüssieren, hat jedoch auch mit der großen Frustration der Bevölkerung zu tun. Politische und wirtschaftliche Hoffnungen wurden nicht erfüllt, die steigende zivilen Opferzahlen beim Krieg gegen die Taliban - mit denen laut Umfragen viele Afghanen lieber eine Beteiligung an der Macht aushandeln würden - treiben jenen Gruppen Mitglieder zu, die die fremden Truppen im Land bekämpfen.

Was vor Beginn des Feldzugs oft gesagt wurde - dass man die Taliban vertreiben, aber Afghanistan nie militärisch beherrschen kann - erweist sich heute als richtig. Präsident Hamid Karsai als "Bürgermeister von Kabul" zu bezeichnen, ist ein trauriger, aber zutreffender Witz.(Gudrun Harrer/DER STANDARD Printausgabe, 21. August 2008)

 

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