Nachleben einer Illusion

20. August 2008, 20:22
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Der tschechische Ministerpräsident Topolánek sagt heute mit brutaler Offenheit, der Prager Frühling sei den meisten normalen Menschen "total egal"

Vor 40 Jahren am 20. August, kurz nach 22 Uhr landete die erste sowjetische Militärmaschine mit Luftlandetruppen auf dem Prager Flughafen. Erst vier Stunden später berichtete die Nachrichtenagentur AP über die angelaufene massive Militäroperation der Sowjets und der Warschauer-Pakt-Vasallen – Polen, Ungarn, Bulgarien – zur Niederschlagung des Prager Frühlings, des groß angelegten Versuchs, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu verwirklichen. Zu den neuen Erkenntnissen aus den Staatsarchiven ("Das internationale Krisenjahr 1968", Böhlau 2008) gehört u. a. die Tatsache, dass der sowjetische Parteichef Leonid Breschnew mit seinem Vertrauensmann Alexander Dubcek, der im Jänner '68 den Posten des Ersten Sekretärs der KPC übernommen hatte, lange eine politische Lösung gesucht hat und dass von der Dynamik des politischen Aufbruches erschreckte Führer der Bruderparteien – Ulbricht (DDR), Gomulka (Polen) und Schiwkow (Bulgarien) – neben KGB-Chef Andropow, dem Ideologen Suslow und Verteidigungsminister Gretschko besonders energisch für den Einmarsch plädierten.

Der ungarische Parteichef János Kádár zögerte fast bis zuletzt. Die kürzlich in der literarischen Wochenzeitung Élet és Irodalom veröffentlichten Details aus den Protokollen des Politbüros und des Geheimdienstes zeigen, wie vorsichtig und relativ gemäßigt damals die ungarische Führung reagierte. Ein bekannter Humorist bemerkte, laut einem Spitzelbericht, dass sich das Zentralorgan der KP mit dem Tanzliedfestival ausführlicher beschäftigt habe als mit den tschechoslowakischen Ereignissen.

Die wenigen innerparteilichen Kritiker, allen voran der frühere, vom Stalinisten zum Reformer mutierte Ex-Ministerpräsident András Hegedüs und die Philosophin Ágnes Heller wurden aus der Partei ausgeschlossen, aber man hat (noch) keine polizeiliche Maßnahmen ergriffen. Der Mythos des Prager Reformexperiments gewann nach der relativ langen Phase der "Normalisierung" keinen blockweiten Auftrieb. Die demonstrativen Prager Solidaritätsbesuche Titos und Ceaucescus im August waren zwar wichtig, doch zeigte die spätere Entwicklung in beiden Ländern, dass die utopistische Euphorie über den "demokratischen Sozialismus", über einen dritten, antikapitalistischen Weg letzten Endes nur als dekorative Fassade für die Scheinwelt der mit dem Personenkult verbundenen Parteidiktatur diente. Der tschechische Ministerpräsident Mirek Topolánek sagt heute mit brutaler Offenheit, der Prager Frühling sei den meisten normalen Menschen "total egal".

Und der Westen? Laut einem Spiegel-Bericht sei die Nato in jenen August-Tagen ahnungslos und völlig unvorbereitet gewesen. Auch später geschah nichts. Frankreichs Premier Michel Debré erklärte kurz und bündig, die Intervention sei ein "Verkehrsunfall" auf dem Weg zur Entspannung mit den Sowjets gewesen. Heute, nach dem russischen Einmarsch in Georgien, erinnern sich die frei gewordenen Ex-Satellitenstaaten nicht an den verheißungsvollen Aufbruch, sondern an die "Operation Donau", den blitzartigen Militärschlag der roten Weltmacht in der Nacht zum 21. August 1968. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8. 2008)

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