Prager Frühlingsrollen revisited

20. August 2008, 19:36
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Nur wenig Bedürfnis nach nostalgischer Rückschau auf das Ende des Prager Frühlings - Von Niklas Perzi

Warum sich das Bedürfnis nach nostalgischer Rückschau auf die vor 40 Jahren niedergeknüppelte Reformbewegung in der Tschechoslowakei im Ursprungsland des "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" in Grenzen hält.

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Als in den Morgenstunden des 21. August 1968 Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten mit der Sowjetunion an der Spitze in die Tschechoslowakei einmarschierten, war die Frage eines sozialistischen Sonderweges der Tschechen und Slowaken machtpolitisch entschieden, der Streit um seine Interpretation aber eröffnet. Zwar mutierte die in die Sowjetunion verschleppte Parteispitze mit Alexander Dubcek an der Spitze in Moskau von Konterrevolutionären zu Verhandlungspartnern, doch kehrten sie mit einer Kapitulationserklärung wieder nach Prag zurück, um jetzt die schmutzige Detailarbeit bei der Beendigung des Experiments selber leisten zu müssen.

Ihren Höhepunkt fand diese ein Jahr darauf: In den Straßen Prags und Brünns versammelten sich tausende Menschen, um anlässlich des ersten Jahrestages der Invasion zu demonstrieren – niedergeknüppelt von tschechoslowakischen Einheiten aufgrund eines eilig verabschiedeten Gesetzes, das die Namen jener Männer trug, zu deren Unterstützung die Kundgebungen stattgefunden hatten: Dubcek, (Staatspräsident) Svoboda, (Ministerpräsident) Èerník. Alle drei verschwanden bald darauf in der politischen Versenkung. Für viele Tschechen bedeutete erst das Jahr 1969 das Ende jenes Experiments, dem unter dem Titel "Prager Frühling" noch heute mit einer Mischung aus Bewunderung und nostalgischer Erinnerung gedacht wird – allerdings nicht in seinem Ursprungsland selbst:

Widersprüche ...

Ein Gutteil der Tschechen zeigt sich entweder desinteressiert oder unterstellt den Reformern mit dem Hinweis auf deren Vergangenheit in den vom Stalinismus geprägten Jahren des "Aufbaus des Sozialismus" vor 1968 unlautere Motive. Der von den KP-Reformern halb gewollte, halb gebremste Aufbruch der Zivilgesellschaft bleibt weitgehend ausgeblendet. Das Versagen der politischen Elite des Landes, die bis auf wenige Ausnahmen auch nach dem Einmarsch auf ihren Posten verblieben, ermöglichten es den Liquidatoren der Reformen, die Macht schleichend zu übernehmen. In einer Mischung aus Repression und einer den damals sozialdemokratisch dominierten westeuropäischen Ländern nicht unähnlichen Wohlfahrtspolitik sorgten sie die nächsten zwanzig Jahre unter der Parole der "Normalisierung" für gesellschaftliche Ruhe.

Im Untergrund hatte sich die intellektuelle Deutungshoheit jedoch von den Reformkommunisten hin zur Gruppe der Nicht-Marxisten rund um Václav Havel verschoben. Bereits im Herbst 1968 hatten sich Havel und sein Schriftstellerkollege Milan Kundera auf den Seiten der Feuilletons erbitterte Auseinandersetzungen um den Charakter der Reformen geliefert: Erblickte Kundera in diesen den weltweit einzigartigen Versuch der Verbindung von Demokratie und Sozialismus hin zu einer höheren Form von "Freiheit", abseits von westlichem Konsumismus und östlichem Stalinismus, so glaubte Havel beispielsweise im Ende der Zensur nur die nicht besonders großartige Rückkehr zur Normalität der bürgerlichen Demokratie zu erkennen.

Als sich 1989 die Machtfrage erneut stellte, gelang es ihm und den Seinen relativ rasch, die politische Revitalisierung der verbrauchten "68er" zu verhindern. Noch heute sind in Tschechien alternative Positionen und Lebensentwürfe mitsamt ihrer aktuellen politischen Vertretung in der Partei der Grünen aus dieser Tradition heraus eher dem rechtsliberalen politischen Spektrum zuzurechnen, auch wenn Havel selbst seine Zivilisationskritik in gewissen Phasen seines Lebens auch auf die westliche Demokratie ausgedehnt hatte. Den aktuell starken Kommunisten Tschechiens dient indessen nicht der Prager Frühling, sondern der repressive Wohlfahrtsstaat der 70er-Jahre als Referenzmodell. Statt neue Antworten auf die Frage der Politik-Fähigkeit im Zeichen der globalisierten Macht von Kommerz und Konzernen zu suchen, bedient sie sich in ihrer linkspopulistischen Rhetorik der alten Feindbilder aus dem Fundus des tschechischen Nationalismus. Die neoliberalen Eliten, die nach 1989 bald die Havel-Mannschaft ablösten, erklärten 1968 dann zum Machtkampf zweier kommunistischer Fraktionen und nicht nur den Sozialismus, sondern auch alle Arten von Sozialstaat zum Irrweg der Geschichte.

... und Gedächtnislücken

In ihrem Schlepptau befand sich die in der Zeit der "Normalisierung" sozialisierte zweite und dritte Garnitur der wilden tschechischen Nach-Wende-Jahre. Für sie war zivilgesellschaftliches Engagement oft genauso ein Fremdwort wie soziale und ökologische Korrektive in einer Marktwirtschaft, die sie in den Jahren zuvor nur anhand der harten Regeln des Schwarzmarkts praktisch erprobt hatten. Ideologisch wurde der Kommunismus in Verkennung der eigenen, starken linken Traditionen des hoch industrialisierten Landes zur russischen Importware erklärt. Die großen Übereinstimmung mit einem eigenen "nationalen" Weg zum Sozialismus sowohl nach dem Zweiten Weltkrieg als auch 1968, bleibt dabei ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass viele der Privatisierer von 1989 zu den "Normalisierern" der Jahre davor gehört hatten. Es wäre an der Zeit, sich auch daran zu erinnern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8. 2008)

Der Autor ist Historiker und wissenschaftlicher Leiter der Waldviertel Akademie; in Kürze erscheint das von ihm herausgegebene Buch "Die Samtene Revolution" (Peter Lang Verlag).

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