Der Schattenmann, der elf Milliarden Euro verwaltet

20. August 2008, 19:29
32 Postings

Kaum jemand kennt Wiens Finanzdirektor Richard Neidinger wirklich - und niemand will sich mit ihm anlegen - Teil 4 der Serie

Wien - Sie nennen ihn "den Schatten" in Wien. Sich im Hintergrund zu halten bringt wohl die Aufgabe mit sich, die Finanzen Wiens zu verwalten. Und über Geld spricht man bekanntlich nicht. Heuer waren es jeweils fast elf Milliarden Euro Ausgaben und Einnahmen, die Finanzdirektor Richard Neidinger für den Rechnungsabschluss der Stadt errechnete. Neidinger steht für die "solide Finanzpolitik 'made in Vienna'", die Finanzstadträtin Renate Brauner (SP) nie vergisst zu erwähnen.

Der 58-jährige Neidinger kam 1999 als Nachfolger von Gerhard Scharitzer in die Magistratsdirektion. Davor leitete der die Magistratsabteilung 5 (Finanzwirtschaft und Haushaltswesen). Bei der Stadt Wien ist er seit 1969 beschäftigt. Er ist auch Vize-Vorsitzender im Aufsichtsrat der Wiener Stadtwerke Holding und der Wien Holding.

Ein Grund für seine Scheu, im Rampenlicht zu stehen, wird in der "Mayr-Schule" vermutet, in die er 20 Jahre gegangen ist. Der 2006 verstorbene Hans Mayr war von 1973 bis 1994 Finanzstadtrat und Helmut Zilks politisches Pendant. Mayr setzte seine Finanz- und Wirtschaftspolitik stets ohne Rücksicht auf Kritik durch. Die Finanzbeamten waren dabei seine Zuarbeiter.

Während sich VP-Klubobmann Matthias Tschirf darüber mokiert, dass Neidinger in Ausschusssitzungen die Opposition abkanzelt, ist der Freiheitliche Georg Heinreichsberger vorsichtiger: "Er ist wie alle Spitzenbeamten sehr distanziert." Man will es sich mit dem mächtigen Finanzmann eben nicht verscherzen. David Ellensohn von den Grünen sagt: "Er informiert nicht, wenn er nicht muss." VP-Gemeinderat Günter Kenesei sagt: "Er hat einen Stacheldraht um die städtische Geldbörse." Spätestens im Herbst müssten sich sowohl SP als auch Opposition mit Neidinger gut gestellt haben. Dann wird entschieden, wie viel Geld die Bezirke, die notorisch über Geldmangel klagen, bekommen.

Ab und zu tritt Neidinger aber doch in Erscheinung. Als eine Delegation aus Prag in Wien zu Gast war, erklärte er den tschechischen Kollegen in einem Workshop Wiens Finanzmanagement. Neidinger dürfte zudem, wie Bürgermeister Michael Häupl, Austria-Fan sein. Zumindest war er beim Spatenstich des 9 Millionen Euro teuren Umbaus der Osttribüne des Horr-Stadions. Vielleicht aber auch deshalb, weil die Stadt Wien 60 Prozent der Gesamtkosten zahlt. Neidingers Gehalt ist übrigens auch nicht ohne: Er verdient jährlich rund 177.000 Euro brutto. (Marijana Miljkoviæ/DER STANDARD, Printausgabe, 21. August 2008)

FAKTEN

Die Geschäftsgruppe "Finanzen, Wirtschaftspolitik, Wiener Stadtwerke" untersteht politisch Vizebürgermeisterin und Finanzstadträtin Renate Brauner (SPÖ). Sie ist sowohl für alle Beteiligungen der Stadt Wien zuständig als auch für das Abgabewesen (Abwassergebühren, Anzeigenabgabe, Dienstgeberbeitrag, Parkometerabgabe, etc.). Die Magistratsabteilung 5 muss den jährlichen "Haushaltsvoranschlag" (das Budget) der Stadt erstellen. Die "Stadtkassa", die den Zahlungsverkehr der Stadt abwickelt, gehört genauso dazu wie EU-Strategie und Wirtschaftsentwicklung - sowie "Feuerwehr und Katastrophenschutz".

 

  • Richard Neidinger (58), Geldbörsen-Träger.
    der standard

    Richard Neidinger (58), Geldbörsen-Träger.

Share if you care.