Lehrstellensuche als Knochenjob

20. August 2008, 19:19
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Über 10.000 Jugendliche suchen in Österreich eine Lehrstelle, rund ein Viertel davon lebt in Wien - Das hat nicht nur mit der speziellen Wiener Struktur zu tun

Wien - "Erwachsene sind doch auch nicht bereit, etwas zu tun, was ihnen nicht passt" , sagt Egon Blum. "Warum verlangt man das dann von Jugendlichen?" Wenn jemand Friseurin oder Kfz-Mechaniker werden wolle, dann sei das doch in Ordnung. "Die Ausbildung muss Freude machen, sonst wird das nichts."

Dass österreichische Kids bei der Lehrberufs-Wahl nicht gerade einfallsreich sind, macht dem Lehrlingsbeauftragten der Regierung aber trotzdem Sorgen. "Es müssen nicht nur Firmen gefördert werden, die Lehrlinge ausbilden, man muss die Jugendlichen bereits in der Pflichtschule mehr bei der Berufswahl unterstützen" , sagt Blum. Über 10.000 junge Österreicher sind derzeit auf Lehrstellensuche. "Da sind auch sehr viele Leistungsschwächere dabei, die schwer vermittelbar sind" , sagt Blum.

50 Prozent der lehrstellensuchenden Mädchen wollen Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau oder Friseurin werden, jeder dritte Bub sieht sich als angehender Kfz-Mechaniker. Den größten Lehrstellenmangel des Landes weist die Bundeshauptstadt auf. Hier fehlen laut Arbeitsmarktservice 2666 Stellen. Was laut Julia Bock-Schappelwein, Arbeitsmarktexpertin beim Wifo, mit der speziellen Wiener Struktur zu tun hat. "Während in den Bundesländern der Schwerpunkt auf Güterproduktion liegt, geht es in Wien vor allem um Dienstleistungen und höher qualifizierte Tätigkeiten." Und da passe die klassische Lehre nicht immer hinein.

Wie viele Lehrstellen verfügbar sind, hängt aber auch von der Bereitschaft der Unternehmer ab, in selbst ausgebildetes Jung-Personal zu investieren. "Im Westen ist da die Bereitschaft wesentlich höher als im Osten Österreichs" , sagt Blum. Während etwa in Vorarlberg gut die Hälfte der Jugendlichen Lehrlinge seien, liege die Quote in Wien, Niederösterreich und im Burgenland unter 30 Prozent. In der Hauptstadt werden im Herbst 1600 Jugendliche eine Lehrausbildung beginnen, insgesamt macht die Wien 11,4 Millionen Euro für Lehrlinge locker. 3500 Plätze will die Stadtregierung damit sichern.

Laut Wirtschaftskammer-Präsidentin Brigitte Jank scheuen sich vor allem Unternehmer mit Migrationshintergrund davor, Lehrlinge zu beschäftigen. "In deren Herkunftsländern gibt es diesbezüglich keine Tradition" , sagt Jank. Um diese Unternehmer zu motivieren, schickt man regelmäßig Betriebsberater mit Migrationshintergrund los. (Martina Stemmer/DER STANDARD Printausgabe, 21. August 2008)

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