Die Sorgfalt der Intensität

20. August 2008, 18:38
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Das Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst

Salzburg - Wenn Franz Welser-Möst am Pult steht, hat man immer den Eindruck, dass er nach Art eines überechauffierten Vorzugsschülers das, was sein Cleveland Orchestra gerade spielt, besonders gut dirigieren möchte. Dass er, sagen wir in Dvoráks Symphonie Aus der Neuen Welt, alle stilistischen Anspielungen mit größter Sorgfalt ausbreiten und fürs Publikum dodelsicher hörbar machen möchte. Und gerade darunter litt die Wiedergabe der Neunten. Eigentlich hätte man erwartet, dass das Cleveland Orchestra und sein Chefdirigent nach dem triumphalen Erfolg, den sie im Orchestergraben der Rusalka-Produktion mit Recht einheimsen konnten, diese Neunte gleichsam aus der Hüfte spielen. Man kennt die symphonische Kompetenz dieses Orchesters hinreichend. Immerhin ist es seit Jahrzehnten in Salzburg gern gehörter Festspielgast.

Die Ambivalenz

Doch es kommt eben manchmal anders als man denkt. Das Adagio verbreitete eine Stimmung von bemühter Umständlichkeit, die auch durch die markante Thematik des Allegro nicht verscheucht werden konnte. Die Wiedergabe litt eigentlich am stilistischen Zwiespalt des Werkes, das einerseits - wie Dvoøák sich ausdrückt - "Negerlieder" verarbeitet, andererseits jedoch seine böhmische Klangtradition niemals verleugnet. Und wenn man diese Ambivalenz zu sehr zelebriert, mag eine solche Interpretation in verschiedenen - in diesem Fall von den Holzbläsern dominierten - Details ihre Stärken haben, insgesamt bleibt sie jedoch blass und unentschieden.

Dafür geriet Bartóks 3. Klavierkonzert zum Ereignis. Mitsuko Uchida ließ mit ihrer explosiven Wiedergabe keine stilistischen Zweifel aufkommen und verlieh dem Solopart eine solche Dringlichkeit und atmosphärische Dichte, dass diese offenbar ansteckend wirkte und das Orchester zu einer von Welser-Möst brillant und voll Geistesgegenwart geleiteten Glanzleistung anfeuerte. Diese Intensität signalisiert Uchida nicht nur gestisch, sie lässt sie auch durch höchste Konzentration und temperamentvolle Kontraste zwischen Piano-Delikatesse und hitzigen Akkordschlägen mit stets angespannter Intensität zum Hörerlebnis werden. Die ganze zu Heiterkeit sublimierte Tragik dieses Werkes, das der sterbenskranke Komponist nicht mehr vollenden konnte, wurde in diesem vollendeten Dialog zwischen Klavier und Orchester bestürzend zum Ausdruck gebracht. Bergs Drei Orchesterstücke op. 6 bildeten den Abschluss eines nicht gerade kulinarisch programmierten Konzertes, das im randvollen Großen Festspielhaus erfreulich herzlichen Beifall fand. (Peter Vujica / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2008)

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