Reportage: Kaputte Kaspi-Brücke und schwere Pepsi-Krise

20. August 2008, 18:31
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Der Krieg in Georgien trifft auch Armenien, das viele Güter über die Schwarzmeerhäfen Poti und Batumi bezieht

Die Armenier beziehen ihre Waren über die beiden Schwarzmeerhäfen Poti und Batumi, doch der Zugang über Straßen und Schienen ist gekappt. Armenien, der treue Verbündete Russlands, leidet unter dem Krieg.

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Fünf Tage wird es noch gutgehen. Hratsch, der kleine Ladenbesitzer an der Ecke der Mashtots und Puschkin Avenue im Zentrum Eriwans, rollt einen Papierbogen mit Warenbestellungen, während er spricht, und rollt so lange, bis er nur noch ein dünnes Papierrohr in der Hand hat. Mehl und Zucker werden knapp, sagt der Armenier voraus, "Pepsi gibt es jetzt schon nicht mehr"

530 Straßen- und Bahnkilometer liegen zwischen den Armeniern und ihrem Fenster zur Welt, den georgischen Schwarzmeerhäfen Poti und Batumi. Von dort wird die kleine Kaukasus-Republik im Wesentlichen versorgt. Doch der Krieg in Georgien und die russische Invasion haben die Lebenslinie gekappt. 90 Prozent der Lieferungen sind gestoppt, warnte das Verkehrsministerium zu Wochenbeginn. Der Abzug der russischen Armee, der nun begonnen hat, wird erst langsam Linderung schaffen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Armenien, Russlands treuer Verbündeter im Südkaukasus, bei einem Konflikt zwischen Moskau und Tiflis gleich mitbestraft wurde. Mehr als ein Jahr, von 2006 bis Mitte 2007, währten die "Bauarbeiten" am russischen Grenzübergang Lars nach Georgien und stoppten die Reisen der armenischen Gastarbeiter über Land. So hart wie dieses Mal hat es die Armenier aber seit langem nicht getroffen.

"Wir warten auf die Krise" , sagt eine Verkäuferin in einem anderen Lebensmittelgeschäft. In einer Woche könnten die Preise hochgehen, russischer Abzug hin oder her. Die Warenlager sind groß in dem Land, dessen Grenzen zur Türkei und Aserbaidschan geschlossen sind, die Kartelle beim Importgeschäft undurchsichtig. Die "Pepsi-Krise" zeigt das wieder: Manchen Läden sind nur die kleinen Limonadenflaschen ausgegangen, eine andere Supermarktkette, die dem Bruder eines einflussreichen Abgeordneten gehört, hat keine Probleme.

Zehntausende sind in den ersten Kriegstagen aus Georgien nach Eriwan geflüchtet. Familien mit Kindern und Großeltern, die gesamte US-Botschaft aus Tiflis, die Sommerurlauber an der Schwarzmeerküste, die das Außenministerium mit Bussen abholte und in einem weiten Bogen um das Kriegsgebiet durch die Berge fahren ließ. Noch am Mittwoch ist die große Straße zwischen Tiflis und Eriwan praktisch leer. Die russische Luftwaffe hatte auch eine Militärbasis der Georgier in Marneuli kurz vor der armenischen Grenze bombardiert.

Der Krieg hat alle Nachbarstaaten im Kaukasus getroffen, die politischen Folgen, die Machtverschiebungen zugunsten Russlands sind aber besonders für Armenien bedeutsam. Das Land hat ebenfalls einen dieser so genannten "eingefrorenen Konflikte" , wie es in Georgien mit Südossetien und Abchasien der Fall war. Seit dem Krieg um die armenische Enklave Berg-Karabach in Aserbaidschan, gewonnen mit russischer Hilfe, ist Armenien isoliert und von Moskau abhängig. Die größte russische Militärbasis in der Region liegt hier.

Nur fünf Liter Benzin

Die Menschen in Eriwan sind deshalb vorsichtig, wenn sie nun etwas über den Krieg im Nachbarland sagen sollen, den sie doch spüren. Mehr als fünf Liter Benzin sind abends nicht mehr an den Tankstellen zu haben. Auch die Flugzeuge werden knappgehalten - drei statt der üblichen acht Tonnen Kerosin werden pro Maschine verkauft, manche Fluggesellschaften, die AUA etwa, haben Sondervereinbarungen getroffen und bekommen etwas mehr.

"Die ganze Region fühlt diesen Konflikt. Und wir haben eine Blockade. So ist das doch" , sagt Muscheg Militonian, einer der Oppositionsanhänger, die ihren Protest gegen die Präsidentschaftswahlen vom März immer noch auf einer Straße im Zentrum Eriwans aussitzen: "Vor der Kaspi-Brücke steht unser Zug." Am vergangenen Wochenende flog die Eisenbahnbrücke beim georgischen Dorf Kaspi in die Luft. Männer in Soldatenuniformen sollen sie gesprengt haben, die Russen eben, so behauptet die georgische Regierung.

Saakaschwillis Fehler

Die Bahnstrecke zwischen Armenien und den Schwarzmeerhäfen mit ihren Treibstoff- und Lebensmittelwaggons war seither jedenfalls erst recht unterbrochen. Am Mittwoch setzte die südkaukasische Eisenbahngesellschaft ein altes Teilstück instand, das als Umleitung dienen soll. Das Leben könnte wieder normaler werden.

Mit dem Krieg der Georgier gegen die Osseten und die russische Armee hat die demokratische Opposition in Armenien ein politisches Vorbild verloren. Der Lack ist ab von der "Rosenrevolution" . "Es war Saakaschwilis Fehler" , sagt Militonian. (Markus Bernath aus Eriwan/DER STANDARD, Printausgabe, 22.8.2008)

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