Keine Hölle für sich allein

20. August 2008, 18:13
posten

Norbert Gstrein im Interview über seinen für den deutschen Buchpreis nominierten Roman "Die Winter im Süden"

Gstrein las im Rahmen der O-Töne am Wasserbecken im MQ in Wien aus "Die Winter im Süden". Stefan Gmünder sprach mit dem Autor im Vorfeld über Schuld, den Schrecken des Privaten und Schreiben über Krieg.

Standard: "Es wird Krieg geben" lautet ein wichtiger Satz in Ihrem neuen Roman "Die Winter im Süden" . Kriege, konkret der Zweite Weltkrieg und der Balkankonflikt, spielten schon in Ihren beiden letzten Romanen eine Rolle. Literarisch nicht unbedingt ein einfaches, weil komplexes Unterfangen.

Gstrein: Da haben Sie in doppeltem Sinn recht. Einerseits ist der Stoff unüberschaubar. Insbesondere bei einem Krieg, der noch nicht lange zurückliegt, gibt es kein historisch gefestigtes Bild, und man muss seine eigene Sicht auf das vorgefundene Material entwickeln, mit dem Risiko natürlich, sich zu irren. Andererseits liegt bei einem solchen Thema die viel größere Schwierigkeit in der Verführbarkeit durch den "großen" Stoff selbst. Man kann der Täuschung erliegen, man habe mit einem großen Stoff schon etwas in der Hand, und hat damit allein natürlich noch gar nichts. Es ist eine Binsenweisheit, wenn ich daran erinnere, dass es nur um das Wie geht, egal, ob Sie sich in einem Krieg umtun oder nach dem berühmten Flaubert'schen Satz den Wunsch haben, einen Roman über nichts zu schreiben.

Standard: H.C. Artmann sagte, über Krieg zu schreiben sei unanständig.

Gstrein: Da widerspreche ich ihm nicht. Das ist genau die Haltung, die meinen letzten Roman, Das Handwerk des Tötens, vorangetrieben hat: Man kann nicht über den Krieg schreiben, weil es in Wirklichkeit immer noch viel schlimmer ist. Aber was tun? Schweigen? Oder versuchen, eine Form zu finden, in der genau das mitbedacht ist?

Standard: Ihr neues Buch spielt in Zagreb, Buenos Aires und in einem Nebenstrang in Wien. Es geht um einen Mann, der nach Ende des Zweiten Weltkrieges Jugoslawien verließ und nach Argentinien flüchtete. Seine Kriegsvergangenheit scheint nicht sauber zu sein, man kann ihn aber auch als Verlorenen sehen.

Gstrein: Zumindest sieht er sich selbst so, und tatsächlich, auch wenn man weder für ihn und seine politischen Überzeugungen noch für die "dunklen Stellen" in seiner Vergangenheit Sympathien haben kann, er ist auch eine tragische Figur. Er nährt in seinem argentinischen Exil über 45 Jahre lang seine antikommunistischen Ressentiments und ist bei seiner Rückkehr nach Europa längst aus der Wirklichkeit gefallen.

Standard: Es geht auch um Identitäten. Diejenige des Alten, wie er im Buch heißt, ist ebenso gebrochen wie die seiner Tochter Marija, die ihn lange für tot gehalten hat.

Gstrein: Der Bruch ist in beider Leben das Kriegsende 1945. Da flieht der Alte nach Argentinien, und Marija bleibt als Fünfjährige allein in Wien zurück. Ihre jugoslawische Herkunft lässt sie aber beide nicht los, und ohne voneinander zu wissen, entscheiden sie sich 1991 zu Beginn der neuen Kriege auf dem Balkan, in ihre ehemalige Heimat zurückzukehren. Dafür haben sie verschiedene Gründe. Der Alte glaubt, dort noch einmal "mitmischen" zu können, und bei Marija ist es einerseits Sentimentalität dem Land ihrer Herkunft gegenüber, andererseits eine Flucht aus ihrer gescheiterten Ehe mit einem Wiener Journalisten.

Standard: Der Roman besteht aus zwei aufeinander zulaufenden Strängen. In dem einen wird aus der Perspektive Marijas von ihrer Suche nach Heimat erzählt, die in Zagreb in einer Affäre mit einem kroatischen Soldaten enden wird. Im zweiten Strang spricht ein ehemaliger Wiener Polizist von sich und vor allem vom Alten, für den er als eine Art Bodyguard arbeitet. Es war Ihnen wichtig, die Figur des Alten durch diesen indirekten Zugang in der Schwebe zu halten?

Gstrein: Der Alte ist, wie gesagt, eine problematische Figur und wird in der Darstellung zunächst nicht weniger problematisch, weil weder der Polizist noch Marija ein eindeutig distanzierendes Verhältnis zu ihm einnehmen. Es war eine schwierige Entscheidung, ihn in dieser Schwebe zu halten, aber ich wollte weder einen Leser, eine Leserin noch mich selbst von vornherein in Sicherheit wiegen. So bekommt der Alte seinen Platz, und nicht wenig davon, aber er demaskiert sich selbst, mit dem, worüber er redet, dem, was er beschweigt, und mit dem, was er tut.

Standard: Es geht auch um Schuld, im Sinne von schuldig und jemandem etwas schuldig sein.

Gstrein: Da ist vor allem Marijas Schuld oder vielmehr ihr Gefühl von Schuld. Ich glaube übrigens, dass sie die Hauptfigur des Romans ist, auch wenn die Perspektive ihres Vaters vom Umfang her mehr Seiten hat. Denn mit ihrer Geschichte kommt neben 1945 und 1991 mit 1968 das dritte wichtige Datum in den Roman. Sie ist nämlich mit einem ehemals studentenbewegten "Revolutionär" und jetzt opportunistisch gewordenen links-liberalen Kolumnisten verheiratet und ist diese Ehe eingegangen, um die "Sünde" ihrer Herkunft loszuwerden, um Abbitte zu leisten für ihren Vater und seine von ihr mehr vermutete als wirklich gewusste Rolle im Zweiten Weltkrieg.

Standard: Ein Schuldgefühl, das Marija prägt - schließlich wird der Krieg im wahrsten Sinne auch auf ihrem Körper ausgetragen.

Gstrein: Das kann man so sagen, und es ist eine schreckliche Situation, der Krieg zweier abstrakter Systeme, des "rechten" ihres Vaters und des "linken" ihres Mannes, auf dem Körper einer Frau.

Standard: Diese sehr expliziten und brutalen Passagen hätte man sich von Ihnen nicht erwartet.

Gstrein: Jetzt stehen sie aber da, und ich kann mich nicht dafür entschuldigen. Zum Zeitpunkt, an dem die Handlung des Romans einsetzt, sind die Wirkungsmöglichkeiten sowohl von Marijas Vater als auch von ihrem Mann politisch nur mehr gering. Privat können sie bzw. ihre Stellvertreter aber immer noch Schrecken verbreiten, und das tun sie auch in diesen tatsächlich brutalen Stellen.

Standard: Jeder Roman ist auch eine Geschichte über das Vergehen der Zeit. Niemand könne sich vorstellen, heißt es an einer Stelle Ihres Romans, wie schnell sich 20 Jahre einfach vertun ließen. In der Tat hat man den Eindruck, alle wichtigen Figuren im Buch befänden sich in einer Art Warteposition. So, als gäbe es jede Menge Zeit.

Gstrein: Das macht ihren Zustand aus, eingefroren in einem Vorher, und wenn sie aufgetaut werden, stellen sie fest, dass es schon nachher ist. Es gibt natürlich nicht jede Menge Zeit für sie, wie für niemanden, aber es gäbe den Augenblick. Den jedoch kennen sie nicht.

Standard: Auftauen ist ein gutes Stichwort. Sie lassen sich für Ihre Romane mehrere Jahre Zeit, legen viel Wert auf das Formale, die Sprache. Dennoch hat man das Gefühl, man habe mit diesem Buch einen trotz des "schweren" Themas "leichteren" , entspannteren Gstrein in der Hand?

Gstrein: Das ist wohl richtig. Das neue Buch wird von der Handlung selbst getragen, nicht von einem reflektierenden Erzähler bzw. einer Erzählerin wie meine letzten beiden Romane. Es ist trotzdem natürlich auch Form. Es sind Wörter, es sind Sätze. Daran arbeite ich, und nur mit der Arbeit daran darf man hoffen, irgendwann ins Zentrum zu kommen, was auch immer das ist, vielleicht Schönheit, vielleicht Schmerz.

Standard: Sie haben einmal über das Schreiben gesagt, wenn man die Wahl hätte, mit allen im Himmel oder allein in der Hölle zu sein, müsse die Entscheidung klar sein ...

Gstrein: Das stammt wohl von Faulkner oder von Onetti, die beide starke Trinker waren, und ich war lange sehr empfänglich dafür. Ich meine weniger für das Trinken als für dieses Unbedingtheitspathos. Heute würde mir eine Insel auch reichen. Dorthin könnte ich meine Paranoia mitnehmen und hätte außerdem drei Wünsche frei.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2008/red)

  • Hoffnung, irgendwann ins Zentrum zu kommen: Norbert Gstrein.Zur Person: Norbert Gstrein, geboren 1961 in Mils, Tirol. Studium der Mathematik. 1988 publizierte er seinen Erstling "Einer". Seither lebt Gstrein als freier Schriftsteller, zurzeit in Hamburg. "Die Winter im Süden"  erscheint im Hanser Verlag.
    foto: peter peitsch/peitschphoto.com

    Hoffnung, irgendwann ins Zentrum zu kommen: Norbert Gstrein.

    Zur Person: Norbert Gstrein, geboren 1961 in Mils, Tirol. Studium der Mathematik. 1988 publizierte er seinen Erstling "Einer". Seither lebt Gstrein als freier Schriftsteller, zurzeit in Hamburg. "Die Winter im Süden"  erscheint im Hanser Verlag.

Share if you care.