"Wien protestierte, als es vorbei war"

20. August 2008, 19:17
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Aktuelle wissenschaftliche Arbeiten legen eine Neubewertung des Prager Frühlings nahe - Walter Müller im Gespräch mit Zeithistoriker Karner

Über neues Archivmaterial, zum Teil aus Moskauer Beständen, und über die Rolle der österreichischen Politik während der Krisentage im Nachbarland sprach Walter Müller mit dem Zeithistoriker Stefan Karner.

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Standard: Muss die Geschichte des Prager Frühlings nach den aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten, für die Sie auch erstmals Zugang zu Moskauer Archiven hatten, neu bewertet werden? Zumindest die Rolle Moskaus und des damaligen sowjetischen Staats- und Parteichefs Leonid Breschnew muss man heute wohl etwas differenzierter sehen.

Karner: Wir haben in den neuen Dokumenten etwa gesehen, dass es eine starke Koordination zwischen den Bruderländern und Russland gab. Der Einmarsch war eine kollektive Entscheidung und kein Alleingang Moskaus. Zur Rolle Breschnews: Breschnew hatte in Prag seinen Mann, und dieser Mann war Dubček. Er hat ihm bis zuletzt eine Handlungsoption offengelassen: Dubček soll selbst den Prozess wieder umdrehen und seine Fehler einbekennen. Breschnew suchte diese politische Option. Er wollte seinen Mann, so lange es ging, unbeschadet behalten. Breschnew und Dubèek waren also nicht die großen Antipoden, wie man es bisher glaubte.

Standard: Neu interpretiert muss wohl auch die Person des damaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten Ludvík Svoboda, ein Mitstreiter Dubčeks, werden?

Karner: Svoboda galt als Reformer und hundertprozentiger Dubček-Mann. Wir wissen heute aber, dass Svoboda zwei Dinge zu verantworten hat: Einerseits lobt er zwar die von Russland gewollte Regierung in Prag nicht an. Er fährt aber nach Moskau und rät Breschnew, Dubček abzusetzen. Das war nichts anderes als ein Verrat an seinem Parteichef und Mitstreiter. Er gilt bis heute als Volksheld – die neuen Dokumente waren bisher aber nicht bekannt.

Standard: Neue Erkenntnisse tauchten auch über die Beteiligung der DDR auf. Die ja, wie sich jetzt herausstellte, militärisch gar nicht mit dabei war.

Karner: Die Legende von der Beteiligung der DDR am Einmarsch hat sich bis heute erhalten. Es gibt neue Dokumente, die belegen, dass die DDR gar nicht einmarschieren durfte. Die Hardliner in Prag signalisierten Breschnew, dass sie nicht schon wieder deutsche Soldaten auf dem Hradschin sehen wollten. Breschnew entschied sehr rasch, die deutschen Soldaten müssten an der Grenze stehenbleiben. Das war natürlich ein Gesichtsverlust für den SED-Chef Walter Ulbricht, der den Einmarsch ja von Anfang an wollte. Ulbricht war erbost und beleidigt.

Standard: Österreichs Rolle war in diesen Krisentagen streckenweise operettenhaft und andienerisch. Heimische Politiker wollten auf Geheiß Russlands sogar auf die kritischen Medien einwirken. Fanden Sie dazu in den Moskauer Archiven neue Hinweise?

Karner: Man muss verstehen: Die sowjetische Besatzung war erst 13 Jahre her, und es gab vielfältige Gerüchte, dass Österreich mitbetroffen sein könnte, dass ein Durchmarsch nach Jugoslawien möglich wäre. Als es Luftraumverletzungen und sogar eine Landung eines russischen Gerätes gab, als Panzer auf österreichisches Gebiet fuhren, hat Niederösterreichs Landeshauptmann Andreas Maurer die Bundesregierung zu einer Reaktion aufgefordert. Außenminister Kurt Waldheim sagte, selbstverständlich werde er geharnischt reagieren. Waldheim zitierte den sowjetischen Botschafter zu sich. Dieser – das geht aus den Protokollen schön hervor – hatte sich einen harten Protest Österreichs erwartet. Waldheim bietet ihm Kaffee an und teilt ihm mit, dass Österreich die Grenzraumverletzungen nur als technische Panne auffasst, und ersucht, solche Pannen in Zukunft zu unterlassen. Botschafter Boris Podcerob weiß nicht, wie ihm geschieht. Wien – die Regierungsspitze war ja zu Beginn der Invasion unerreichbar auf Urlaub – erhob erst dann diplomatischen Protest, als alles vorbei war. Die Sowjets teilen Waldheim jedenfalls im Gegenzug ihren Ärger über kritische Medienberichte mit. Waldheim und auch Kanzler Josef Klaus versprechen, dass sie in Pressebriefings versuchen werden, auf die Medien einzuwirken. Journalisten ließen sich davon aber nur marginal beeinflussen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8. 2008)

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Stefan Karner (56) ist Zeithistoriker an der Universität
Graz und Leiter des "Ludwig-Boltzmann-Institutes für
Kriegsfolgenforschung, Graz-Wien-Klagenfurt". Karner ist Mitherausgeber
einer aktuellen wissenschaftlichen Aufarbeitung des Prager Frühlings.
An diesem Projekt wirkten insgesamt 50 internationale Zeithistoriker
mit.
    foto: corn

    Stefan Karner (56) ist Zeithistoriker an der Universität Graz und Leiter des "Ludwig-Boltzmann-Institutes für Kriegsfolgenforschung, Graz-Wien-Klagenfurt". Karner ist Mitherausgeber einer aktuellen wissenschaftlichen Aufarbeitung des Prager Frühlings. An diesem Projekt wirkten insgesamt 50 internationale Zeithistoriker mit.

  • Menschen blockieren die Wege zum Rundfunkgebäude in Prag.
    foto: koudelka, schirmer/mosel
    Foto: Koudelka, Schirmer/Mosel

    Menschen blockieren die Wege zum Rundfunkgebäude in Prag.

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