Der Volltreffer und das Überbleibsel

20. August 2008, 18:00
23 Postings

ÖFB-Präsident Friedrich Stickler lässt sich zur Verpflichtung von Karel Brückner gratulieren. Andreas Herzog, der selbst gerne Teamchef geworden wäre, muss sich zunächst orientieren

„Die Dinge entwickeln sich prächtig", sagte ÖFB-Präsident Friedrich Stickler in Nizza. Vor dem Match gegen Weltmeister Italien im baufälligen Stade du Ray, dessen Ausgang er zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen konnte. Denn der Mittwochvormittag kommt immer noch vor dem Mittwochabend, daran wird nicht einmal der neue Teamchef Karel Brückner etwas ändern.

Vor Deutschland - Referenz genug

Stickler weilte ein paar Tage bei den Olympischen Spielen in Peking, er ist ja auch Vizepräsident des ÖOC. Und er konnte sich dort der Gratulanten kaum erwehren. Nicht, dass ihn wildfremde Chinesen auf der Straße oder gar bei der Mauer angesprochen hätten (Motto: „Entschuldigung die Störung, sind Sie nicht der Herr Stickler aus Österreich, toll, das Engagement von Brückner"), nein. Es waren internationale Funktionäre und sogar Leute, die sich mit dem globalen Fußball intensiv beschäftigen. „Sie waren perplex, dass uns das gelungen ist. Brückner genießt einen ausgezeichneten Ruf. Das war ein Volltreffer." Um dies zu betonne, hat Stickler darauf hingewiesen, dass Tschechien in der EM-Qualifikation die Gruppe vor Deutschland gewonnen hat. „Allein das ist Referenz genug."Dass Deutschland dann Vize-Europameister geworden, Brückner aber in der Gruppenphase gescheitert ist, war in Nizza nicht einmal ein Randthema.

Geschichten sind dazu da, um abgeschlossen zu werden. Also ist die EM in Österreich und in der Schweiz für Stickler auch nur mehr eine nette Erinnerung. „Es war ein großartiges Turnier. Aber mit dem Abpfiff war es vorbei. Wir befinden uns in einer schnelllebigen Zeit, die mit Höhepunkten angefüllt ist. In ein paar Tagen ist auch schon wieder Peking Geschichte." Dafür beginnt am 6. September die WM-Qualifikation, Frankreich kommt nach Wien. Vier Tage später gastiert Österreich in Litauen. Das nächste Doppel steigt schon am 11. und am 15. Oktober, erst die Färöer auswärts, dann Serbien daheim. Stickler: „Die WM 2010 in Südafrika ist kein unrealistisches Ziel. Die Spieler haben Selbstvertrauen und eine breite Brust. Die Troika mit Brückner, Jan Kocian und Andreas Herzog ist sehr gut." Das mit der breiten Brust ist zunächst nur ein präsidiale These, auf Herzog dürfte sie nicht unbedingt zutreffen. Es selbst wollte ja Teamchef, also Nachfolger von Josef Hickersberger werden. Stickler traute ihm das im Endeffekt nicht zu. Trotzdem ist Herzog im Stab verblieben. Ob diese Entscheidung gescheit oder dumm war, weiß vermutlich nicht einmal Herzog selbst. Brückner nennt ihn zwar „Partner", er wird ihm auch zuhören, aber die Entscheidungen trifft sicher nicht Herzog.

Keine Verschwörung

Bei den ersten Trainingseinheiten wirkte das Überbleibsel ein wenig verloren. Brückner hatte mehr Kontakt zu Kocian. Das kann aber auch Zufall gewesen sein. Der österreichische Fußball benötigt vieles, nur keine Verschwörungstheorien. Herzog sucht seine Rolle noch. Er soll Medienarbeit leisten, weil Brückner die eher ablehnt. Der Chef diskutiert nicht, er informiert nur. Und das kurz. „In meinem Zentrum steht die Mannschaft." Die Kader-Pressekonferenzen kann sich der ÖFB künftig sparen. Ob Brückner die Namen kommentarlos runterliest oder ein E-Mail an die Redaktionen geschickt wird, ist zwar schon zweierlei, aber in Wahrheit einerlei.
Herzog weiß derweil nicht genau, was er sagen soll, sagen darf: „Abwarten, die Dinge müssen sich erst einspielen. Das braucht Zeit. Die Spieler kenne ich ja, und so viele Sachen, die man neu erfinden könnte, bietet der Fußball nicht." Mit der Ära Hickersberger, versicherte Herzog, habe er abgeschlossen. „Das soll man sagen."(Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, 21. 08. 2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Andreas Herzog weiß nicht, was er sagen soll, sagen darf. Zumal er als "Partner" von Coach Karel Brückner wenig zu sagen hat.

Share if you care.