Musharrafs Erben fürchten die Richter

20. August 2008, 18:13
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Die pakistanische Regierung streitet über die Wiedereinsetzung von 60 Juristen

Islamabad/Neu-Delhi - Der Kampf gegen Pervez Musharraf hatte sie notdürftig geeint. Doch schon kurz nach ihrem Triumph über den gemeinsamen Feind liegen sich Pakistans Regierungsparteien wieder in den Haaren. Bei ersten Gesprächen konnten sie sich nun in keiner einzigen Frage einigen. Nawaz Sharif von der Muslim-Liga soll bereits gedroht haben, die Koalition mit der PPP, der Partei der ermordeten Politikerin Benazir Bhutto, aufzukündigen. Er setzte PPP-Chef Asif Ali Zardari eine Frist bis Freitag. Zwei kleinere Koalitionsparteien wollen nun bis dahin Kompromisse finden.

Das lässt nichts Gutes ahnen. Selbst für pakistanische Verhältnisse kam der Krach überraschend schnell. Sharif soll so wütend gewesen sein, dass er die Gespräche verließ. Experten fürchten, dass die Koalition eher früher als später auseinanderbricht. Der Zank um die Nachfolge für Musharraf ist dabei das kleinste Problem. Der neue Präsident hat voraussichtlich politisch ohnehin weniger zu melden. Das Amt soll angeblich auf repräsentative Aufgaben beschnitten werden - es sei denn, Zardari reklamiert es für sich selbst.

Der große Streitpunkt ist das Schicksal der 60 unabhängigen Richter, die Musharraf im November 2007 abgesetzt hatte. Sharif pocht darauf, dass sie sofort wieder eingesetzt werden. Das hatte auch Zardari zugesagt. Es birgt aber einen Sprengsatz: Auf Druck der USA hatte Musharraf im Herbst 2007 alle Korruptionsklagen gegen Zardari fallen gelassen.
Die Richter könnten diese unappetitliche Amnestie einkassieren, und Zardari könnte vor Gericht landen. Am meisten fürchtet der Bhutto-Witwer den unbeugsamen Chefrichter Iftikhar Chaudhry. Und versucht, Zeit zu schinden.

Sharif steigt zusehends zum starken Mann der Politik auf. Neun Jahre nachdem Musharraf ihn aus der Regierung jagte, hat der "Löwe des Pandschab" gut brüllen: Seine beiden ärgsten Rivalen ist er los: Benazir Bhutto wurde im Dezember 2007 bei einem Attentat getötet, sein Erzfeind Musharraf musste nun abtreten. Zardari ist beim Volk aber nicht besonders beliebt.

Dagegen schießen Sharifs Popularitätswerte hoch. Auch im Parlament gewinnt er an Einfluss: Die PPP hatte bei den Wahlen zwar 124 Sitze errungen und die Muslim-Liga nur 91. Immer mehr Abgeordnete von Musharrafs früherer Unterstützerpartei PML-Q laufen aber angeblich zu Sharifs Muslim-Liga, ihrer alten Heimatpartei, über. Zwischen Sharif und Zardari stehe ein Machtkampf bevor, prophezeien daher Beobachter. (Christine Möllhoff/DER STANDARD, Printausgabe, 21.8.2008

 

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    Ein Anwalt feiert Musharrafs Abgang.

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