Gedenkfeierlichkeiten in Tschechien und der Slowakei

20. August 2008, 17:07
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Österreichs Bundespräsident Fischer: Dubcek habe ganz Europa Hoffnung gegeben - Weiterer Höhepunkt: Ausstellungseröffnung "Und Panzer kamen 1968"

Bratislava/Prag/Wien - In Tschechien und der Slowakei ist am Mittwoch der blutigen Niederschlagung des "Prager Frühlings" vor 40 Jahren gedacht worden. In der Nacht auf den 21. August 1968 waren die Truppen des Warschauer Pakts in die damalige Tschechoslowakei einmarschiert. Panzer walzten den "Prager Frühling" nieder und erstickten die demokratische Reformbewegung in dem kommunistischen Land.

Höhepunkt der Gedenkfeiern an den "Prager Frühling" ist die Eröffnung der Ausstellung "Und Panzer kamen 1968" im Nationalmuseum in der tschechischen Hauptstadt Prag. Darin soll unter anderem die militärische Invasion der Sowjetmacht nachgestellt werden.

"Hoffnung für ganz Europa"

Bundespräsident Heinz Fischer reiste am Mittwoch in die Slowakei und legte gemeinsam mit dem slowakischen Präsidenten Ivan Gasparovic einen Kranz beim Denkmal für die Opfer des Eisernen Vorhangs und beim Denkmal für den damaligen KP-Chef Alexander Dubcek vor dem Gebäude des Parlaments in Preßburg nieder. Fischer würdigte den Slowaken Dubcek, der "nicht nur vielen Menschen in seiner Heimat sondern in ganz Europa Hoffnung gegeben hat". Dubceks Name werde untrennbar mit dem Prager Frühling von 1968 verbunden bleiben.

Dubcek hatte in der Tschechoslowakei in den 1960ern einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" verwirklichen wollen. Es wurden Reformen eingeleitet, die in Richtung Meinungs- und Versammlungsfreiheit und Liberalisierung der Planwirtschaft gingen sowie die Zensur abgeschafft. Die kommunistischen "Bruderstaaten" Sowjetunion, Bulgarien, Polen, Ungarn und DDR befürchteten, dass dieser "tschechoslowakische Bazillus" auch andere Länder anstecken könnte. Mit rund 700.000 Soldaten stoppten sie den Reformprozess. Bei der brutalen Invasion starben bis Ende 1968 mehr als 100 Menschen, 500 Zivilisten wurden schwer verletzt. Tausende wanderten aus. Rund 210.000 Menschen fanden 1968/69 in Österreich Zuflucht.

Diktaturen auf schwachen Beinen

"Der Prager Frühling und sein tragisches Ende vor 40 Jahren haben den Beweis erbracht, dass Panzer keine Argumente sind", erklärte Fischer laut Redetext. Das Ende habe auch gezeigt, "dass alle Diktaturen - ohne Ausnahme - auf schwachen Beinen stehen". Die Ereignisse des Jahres 1968 in der Tschechoslowakei "haben zweifellos dazu beigetragen, dass es 1989 ein Ende der Diktatur in Osteuropa und einen Fall des Eisernen Vorhanges gegeben hat." Als Nachbarland der Tschechoslowakei habe Österreich diese Entwicklung "mit größter Anteilnahme und Aufmerksamkeit" verfolgt, sagte der Bundespräsident, der am Mittwochnachmittag nach Tschechien weitergereist ist. Er wird gemeinsam mit seinem tschechischen Amtskollegen Vaclav Klaus im Grenzort Mikulov (Nikolsburg) der Ereignisse gedenken.

Gasparovic bedankte sich bei Österreich für die Hilfe für die Menschen aus der Tschechoslowakei in jener Zeit. "Österreich hat damals die Grenze geöffnet für die Menschen, die keine Perspektive in Tschechoslowakei mehr sahen", sagte der slowakische Präsident. Gasparovic äußerte außerdem sein Bedauern darüber, dass manchmal die Verdienste der Leute, die 1968 die politische Verantwortung trugen, verkannt würden.

Aktuelles Verständnis

Laut Umfragen sehen viele Tschechen die Ereignisse in den 1960er Jahren heute skeptisch. 29,7 Prozent der Tschechen erklärten in einer Studie der Agentur Median für die tschechische Tageszeitung "Lidove noviny", keine Meinung über den "Prager Frühling" zu haben. 70 Prozent der 12- bis 17-jährigen sagten, sie wüssten darüber nichts. Nur 16,2 Prozent der Tschechen meinten, dass die Bewegung der Tschechoslowakei tatsächlich die Demokratie gebracht hätte. 30,9 Prozent der Befragten sehen den Reformprozess hingegen als einen Versuch der Kommunisten, ihre Macht zu erhalten.

Rote Reaktionen

Staatssekretär Andreas Schieder wies unterdessen auf die "nicht unproblematische Rolle" der Außenpolitik der damaligen ÖVP-Regierung im August 1968 hin. "Es ist nur engagierten Vertretern wie Rudolf Kirchschläger als Botschafter oder Medienvertretern wie Helmut Zilk oder Gerd Bacher zu verdanken, dass Österreich auch in dieser Phase seine Rolle als neutraler Staat aktiv wahrgenommen hat und durch konkrete Taten zur Hilfe für die betroffenen Menschen beigetragen hat. Und Rudolf Kirchschläger hat mit seiner Weigerung, die Weisung, keine Visa mehr auszustellen, klar gezeigt, dass auch ein neutraler Staat in solchen Situation nicht parteifrei sein kann und darf, sondern auf der Seite des historischen Rechts zu stehen hat."

"Die Panzer der Warschauer-Pakt-Truppen sind an der Grenze Österreichs gestanden. Und unser eigenes Bundesheer durfte nicht näher als 30 Kilometer an die Grenze rücken, um Russland nicht zu provozieren," erinnerte sich der Wiener Bürgermeister Michael Häupl. "Dieser traurige Jahrestag hat für Österreich mehr Bedeutung, als es auf den ersten Blick scheinen mag". Gerade im Lichte dieser Ereignisse vor 40 Jahren des Schicksals, das die Tschechoslowakei danach erlitten hat, erscheine die EU "das größte Friedensprojekt aller Zeiten" alternativlos, so Häupl. (APA)

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