"Die wissen nicht, was sie sagen sollen"

20. August 2008, 14:00
87 Postings

In fünf Wochen wird ein neuer Nationalrat gewählt - der Wahlkampf läuft aber noch auf Sparflamme- Knapp 40 Prozent der Österreicher wissen noch nicht, wen sie wählen werden

Wien - Das Wahlprogramm? - Daran wird noch gefeilt. Die Bundesliste? - Hat noch Zeit. Der Wahlkampfauftakt? - Der 5. September ist früh genug. Wenn es nach der ÖVP geht, könnte man fast vergessen, dass bereits in fünf Wochen gewählt wird. "Die Leute wollen einen kurzen Wahlkampf", meint man in der Parteizentrale. Schließlich bedeute Wahlkampf so etwas wie Streit, und davon hätten die Bürger die Nase voll. Also wird erst Ende August eine zweite Plakatwelle mit Spitzenkandidat Wilhelm Molterer erscheinen. Inhaltlich setzt die Volkspartei auf Teuerung, Sicherheit, Pflege und Europa. Aber auch die Ausländerfrage bleibt weiterhin Thema.

In der SPÖ herrscht ebenfalls noch Ruhe vor dem Sturm. Der große Auftakt wird am 29. August in der Wiener Stadthalle zelebriert, dann folgt auch die dritte Plakat-Tranche mit Spitzenkandidat Werner Faymann. Die Themen liegen auf der Hand: Teuerung, Gesundheit, Pensionen, Europa.
Werbeagentur-Chef Luigi Schober, der 2006 die Kampagne der SPÖ konzipiert hat, wundert sich über die Performance der Großparteien. Die ÖVP liege zwar inhaltlich gut, aber „die Form ist peinlich". Sie sei trotzdem "im seriösen Lager weit vor der SPÖ, die hat überhaupt noch nichts formuliert". Für den kurzen Wahlkampf hat Schober eine einfache Erklärung: "Die wissen nicht, was sie sagen sollen. Wenn nicht bald Antworten kommen, wächst aber das Populismus-Potenzial."

Rot-schwarzer Gipfelstreit

Dabei liegt das Thema auf der Hand: die Teuerung. Ein gemeinsames Treffen der Regierung dazu wird es kommende Woche geben, von einem „Gipfel", wie ihn die SPÖ gefordert hat, will man in der ÖVP aber nichts wissen. Die Volkspartei hat für Freitag ihren eigenen „Inflationsgipfel" einberufen, freilich ohne rote Beteiligung.
In der Zwischenzeit hätten die FPÖ und Spitzenkandidat Heinz-Christian Strache „den Kampf um den Gemeindebau längst gewonnen", ist Schober überzeugt. "Mehr Geld für unsere Leute, sagt Strache - und drückt damit die Befindlichkeiten der Menschen aus." Überhaupt sei die FPÖ "genau auf dem Punkt. Der Strache frisst ein bisschen Kreide, redet über Nächstenliebe und so." Nächste Gelegenheit dazu hat er am Freitagabend, wenn Strache beim ORF-Sommergespräch auf BZÖ-Spitzenkandidat Jörg Haider trifft. „Zu früh" ist das dem BZÖ, das den Wahlkampf erst mit dem Parteitag am 30. August in Graz eröffnen will. Ab September gibt es auch „schöne Plakate, die Mut und Aufbruchsstimmung vermitteln", verspricht Wahlkampfleiter Stefan Petzner. Zentrale Themen werden Zuwanderung, der Kampf gegen die große Koalition und die Teuerung sein. Für "startklar" hält sich die FPÖ, Themen bleiben Ausländer und EU-Kritik. Am 29. August wird der Wahlkampf in Linz eröffnet.

Als letzte Parlamentspartei starten die Grünen am 10. September in die „heiße Phase". Wahlkampfleiterin Michaela Sburny setzt ganz auf die "grünen Kernthemen" Klimaschutz, Gleichstellung und Menschenrechte - und auf Plakate, die ganz auf Spitzenkandidat Alexander Van der Bellen zugeschnitten sind. "Die Grünen sind entthematisiert", meint dazu Werber Schober, denn: „Wenn ich am Hungertuch nage, ist mir die Ökologie relativ wurscht."

Laut einer aktuellen Imas-Studie haben erst 38 Prozent der Österreicher „fest entschieden", wen sie am 28. September wählen wollen. Ebenso viele sehen diese Frage „noch ganz unbestimmt". Ein Viertel der Wahlberechtigten entscheide sich erst in den letzten beiden Wochen vor der Wahl , sagt Meinungsforscher Peter Ulram, gibt aber zu bedenken: „Grundsätzlich ist auch in Wahlkampfzeiten maximal ein Drittel der Wähler stark an Politik interessiert."(Andrea Heigl,Katharina Weißinger/DER STANDARD Printausgabe, 21. August 2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.