Ausweitung der Kampfzone

20. August 2008, 15:52
68 Postings

North Carolina ist kein klassischer Swing-State - Seit mehr als 30 Jahren gewinnen hier Republikaner - Obama versucht es trotzdem

"Zeigt auf! Wer von euch glaubt, dass es ihm heute besser geht als vor acht Jahren?" fragte Obama Dienstagabend seine 2.500 Zuhörern bei einer Wahlkampfveranstalung in Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina. Keiner der Anwesenden hob seine Hand. Und das nicht nur, um dem Redner nicht zu widersprechen.

In den ländlichen Gebieten von North Carolina gingen in den vergangenen Jahren in Textilfabriken und beim Tabakanbau tausende Jobs verloren. Die Produktionsstätten wurden in andere, billigere Länder verlagert - fast ein Drittel der Jobs in der Industrie ging seit 2001 verloren. Schuld daran ist, laut Obama, die schlechte Wirtschaftspolitik der Republikaner. Wer daran etwas andern wolle, müsse demokratisch - also ihn - wählen.

Brummende Städte

Während die wirtschaftliche Situation im ländlichen Raum wenig rosig ist, beginnen die Städte zum Teil zu brummen: Charlotte im Süden ist das zweiwichtigste Finanzzentrum des Landes. Das Dreieck zwischen Durham, der Hauptstadt Raleigh und Chapel Hill ist ein Zentrum für Biotechnik und Software Firmen. Die boomenden Wirtschaftszweige fördern auch das Bevölkerungswachstum. Die Einwohnerzahl stieg von 8 Millionen im Jahr 2000 auf derzeit beinahe 9 Millionen. Der Bevölkerungszuwachs hat auch für die Wahl entscheidende Auswirkungen: Die Neuankömmlinge sind zumeist liberaler als die Alteingesessenen.

Republikanische Tradition

Seit 1976 hat kein Demokrat in North Carolina bei den Präsidentschaftswahlen mehr Stimmen bekommen als sein republikanischer Konkurrent. Der bisher letzte Verlierer war John Kerry im Jahr 2004. Kerry bekam zwölf Prozentpunkte weniger Stimmen als George W. Bush. Ein klarer Sieg für die Republikaner.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama will es trotzdem versuchen. Als Obama ankündigte, er würde sich nicht geschlagen geben, wurde das zuerst als strategisches Manöver gesehen, um McCain zu zwingen Geld und Zeit in einen Staat zu investieren, der ansonsten ein Zuckerschlecken gewesen wäre.


Größere Kartenansicht

Verlockender Sieg

Obama betont, dass das Engagement in North Carolina ernst gemeint sei: Allein in den vergangenen zwei Monaten gab das Obama-Lager zwei Millionen US-Dollar für Werbung aus und mehr als ein Dutzend Büros wurden eröffnet. Hunderte ständige Mitarbeiter und über 3.000 Freiwillige arbeiten an einem Wahlsieg der Demokraten. Obama-Unterstützer arbeiten derzeit an zusätzlichen Wählerregistrierungen.

Mit den 15 Wahlmännern von North Carolina in der Tasche, wäre ein Triumph im heiß umkämpften Virgina (13 Wählmänner) weniger wichtig und eine eventuelle Schlappe in Michigan (17 Wahlmänner) leichter zu verkraften.

In einer Umfrage, die SurveyUSA in North Carolina zwischen dem 9. und 11. August durchführte, führt der Republikaner McCain mit 49 Prozent. Obama liegt vier Prozentpunkte hinter ihm. Aber er holt auf. Noch im Mai lag er acht Prozentpunkte hinter McCain.

McCain punktet, aber vielleicht nicht genug

Das Engagement McCains zwingt auch McCain sich stärker in North Carolina zu engagieren. Aber er kämpft mit weniger schwerem Wahlkampfgeschütz. Bis vor kurzem war das Zentrum der Wahlkampagne für North Carolina noch in Florida. Erst am 11. August eröffneten die ersten Büros in North Carolina. Die Begeisterung für McCain ist unter den Republikanern nicht ungeteilt. Er hat zwar die Vorwahlen im Mai gewonnen, aber zu einem Zeitpunkt, als die anderen republikanischen Kandidaten bereits aus dem Rennen waren. McCain punktet hier mit seiner Vergangenheit in der Marine - keine Kunst in einem Staat mit sieben Marinebasen. Aber er hat Schwierigkeiten bei den ländlichen und religiösen Wählern - bei denjenigen, die Bush den Wahlsieg 2004 den Sieg brachten.

Trügerische Vorteile

Auf Bundesstaatsebene sind in North Carolina sind die Demokraten traditionell stark. Bei Wahlen auf dieser Ebene scheint Ideologie eine geringere Rolle zu spielen. Seit mehr als 15 Jahren ist der jeweilige Gouverneur ein Demokrat. Es gibt auch mehr registrierte Demokraten als Republikaner. Die scheinbar positiven Voraussetzungen sind allerdings trügerisch. Einige der Demokraten sind so genannte „Jessocrats": Namensgeber ist der ehemalige Senator aus North Carolina, Jesse Helms, der in den 1970er Jahren von den Demokraten zu den Republikanern wechselte. Der Begriff bezeichnet konservative ältere Wähler, die sich nicht darum kümmerten ihre demokratische Registrierung zu ändern, auch wenn sie mittlerweile die Republikaner wählen.

Demokraten, die es geschafft haben konservative weiße Wähler anzusprechen, konnten in North Carolina Wahlen gewinnen. John Kerry schaffte das 2004 nicht. Der derzeitige demokratische Gouverneur, Mike Easly, sehr wohl.

Ferrel Guillory, Politikwissenschafter von der Universität North Carolina analysiert für das  britische Wochenmagazin Economist: „Wenn Obama vor einem schwarzen Publikum über Väter spricht, die sich mehr um ihre Kinder kümmern sollen, spricht das schwarze genauso wie weiße Wähler an. Und wenn sich der schwarze Bürgerrechtler Reverend Jesse Jackson darüber aufregt, umso besser kommt das bei weißen Wählern an." (mka, derStandard.at, 20.8.2008)

 

  • Sieg in Sichtweite: Barack Obama kämpft um die 15 Wahlmänner von North Carolina. Die Aussicht auf Sieg ist besser als je zuvor.
    Foto: AP Photo/Alex Brandon

    Sieg in Sichtweite: Barack Obama kämpft um die 15 Wahlmänner von North Carolina. Die Aussicht auf Sieg ist besser als je zuvor.

  • Guter Dinge: Barack Obama bei der Anreise zu einem "Townhall-Meeting" in Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina.
    Foto: REUTERS/Jim Young (UNITED STATES) US PRESIDENTIAL ELECTION CAMPAIGN 2008

    Guter Dinge: Barack Obama bei der Anreise zu einem "Townhall-Meeting" in Raleigh, der Hauptstadt von North Carolina.

Share if you care.