Schlechtes Zeugnis für heimische Forschungspolitik

20. August 2008, 13:26
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EU-Gremium attestiert Fehlen von "gemeinsamer, ganzheitlicher Vision" - Empfehlungen gehen in Richtung "Nischen-Strategien"

Alpbach - Zu "Nischen-Strategien", einer Lichtung des "Programm-Dschungels" und einer klaren Kompetenzverteilung raten EU-Experten der heimischen Forschungspolitik, um die nationale Leistung bei Forschung und Entwicklung (F&E) zu steigern. Es "fehlt derzeit eine gemeinsame, ganzheitliche Vision", stellt eine Gutachtergruppe des EU-Beratungsgremiums für Forschung und Technologiepolitik CREST in einem Länderbericht Österreich ein eher schlechtes Zeugnis aus. Es mangle an einem abgestimmten Bündel an politischen Maßnahmen.

Das Papier wird am Mittwochabend, im Vorfeld der Alpbacher Technologiegespräche (21. bis 23. August), bei der Abschlussveranstaltung des vom Wissenschaftsministeriums initiierten "Forschungsdialogs" präsentiert.

Unklar, warum Ausgaben für Grundlagenforschung gesteigert werden sollen

Das Urteil beruht auf einem Besuch von sieben Experten, u.a. Vertretern aus EU-Mitgliedsstaaten und einem Beobachter der Europäischen Kommission, in Österreich im Mai 2008, im Rahmen dessen etwa auch Gespräche mit unterschiedlichen Interessensvertretern geführt wurden. Ein Kritikpunkt ist, dass nicht alle forschungspolitischen Ziele durch Fakten und Daten nachvollziehbar seien. So sei etwa nicht klar, warum bis 2020 die öffentlichen Ausgaben für die Grundlagenforschung auf ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gesteigert werden sollen. Vor der Umsetzung solcher Maßnahmen bräuchte es noch "stichhaltige Erklärungen".

Schlüsseltechnologien und Forschungskooperationen

Die Experten von CREST (Comite de la Recherche Scientifique et Technique) hinterfragen auch die derzeitige Breite bei der Förderung von verschiedenen wissenschaftlichen und technologischen Bereichen und Industriesektoren. Empfohlen werden "Nischen-Strategien", u.a. zur Stärkung von Schlüsseltechnologien. Weitere Empfehlungen umfassen die bessere Abstimmung von nationalen Programmen mit dem 7. EU-Rahmenprogramm zugunsten der österreichischen Forscher und verstärkte Forschungskooperationen auch mit Nicht-EU-Mitgliedsstaaten.

"Ineffizienter Programm-Dschungel"

Die Vielfalt an Ministerien (Wirtschafts-, Infrastruktur-, Wissenschafts- und "indirekt" auch das Finanzministerium) als Ansprechpartner für die nationalen Förderagenturen (FWF, FFG und AWS) sowie die sehr unterschiedlich verteilte Verantwortung für die Initiierung und Entwicklung von Förderprogrammen lasse es zwar zu, dass man schnell auf die Bedürfnisse von Interessensvertretern und aus Gesellschaft und Wirtschaft reagiere. Doch gleichzeitig gebe es die Gefahr eines "ineffizienten Programm-Dschungels mit einer Vielzahl an kleinen Programmen, hohen Verwaltungskosten und verschiedenen Ministerien, die ähnliches unterstützen". In Österreich seien "Anzeichen eines überwucherten Programm-Dschungels" sichtbar, so die Experten.

Bessere Vernetzung der nationalen Beratungsgremien nötig

Die Gutachter empfehlen zudem, das Verhältnis zwischen Ministerien und Agenturen noch einmal zu überprüfen. Ein Vorschlag betreffend der FFG sei, ihr mehr Kontrolle über Programmdesign und -umsetzung zu verleihen, schreiben die Autoren. Zudem rät das Komitee zu einer besseren Vernetzung der beiden nationalen Beratungsgremien, dem Wissenschaftsrat und dem Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) (z.B. durch begrenzte Mitgliedschaft in beiden Gremien). So wäre jedes Gremium über die Aktivitäten des anderen informiert, Überlappungen und doppelte Arbeit könnten vermieden bzw. minimiert werden.

Forschungsdialog und Systemevaluierung hilfreich

Um zu Konsens unter den beteiligten Akteuren über gemeinsame Ziele und zu einer gemeinsamen Forschungsvision in Österreich zu gelangen, könnten laut den Experten "zu einem gewissen Ausmaß" der vom Wissenschaftsministerium initiierte Forschungsdialog und die vom Infrastrukturministerium in Auftrag gegebene "Systemevaluierung" (Bewertung der Forschungsförderung) helfen. Bei aller Gefahr, dass die Initiativen von zwei unterschiedlichen Ministerien geleitet werden, müsse es doch im Interesse aller sein, "die Ergebnisse beider Prozesse objektiv in Betracht zu ziehen und sich zu einigen", wenn ein Fortschritt erzielt werden solle. (APA)

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