Die Reformbewegung aus Sicht der Slowakei

20. August 2008, 09:07
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Namen slowakischer Politiker sind verbunden sowohl mit Aufschwung als auch mit Niederlage der Reformbewegung in der Tschechoslowakei

Preßburg - Sehr oft ist die Meinung zu hören, dass die demokratische Reformbewegung der 1960er Jahre in der Slowakei passiver war als in Tschechien. Dabei vergisst man leicht, dass viele, manchmal entscheidende Impulse zum "Prager Frühling" gerade aus Preßburg kamen. Es ist kein Zufall, dass sowohl der Aufschwung der Reformbewegung als auch ihre Niederlage mit den Namen slowakischen Politiker verbunden sind, nämlich mit Alexander Dubcek, Gustav Husak und Vasil Bilak. Diese drei Persönlichkeiten wurden zu den Protagonisten, die das politische Geschehen in der Slowakei und folglich auch der Tschechoslowakei seit Anfang der 60er Jahren bestimmten.

Alexander Dubcek symbolisiert die Reformkräfte, Vasil Bilak den altstalinistischen Flügel in der Kommunistischen Partei und Gustav Husak die Kräfte, die den "Realismus", die von der Sowjetführung diktierten Bedingungen der "Normalisierung" der tschechoslowakischen Gesellschaft, akzeptierten. In der Tat, anfangs der 60er Jahren war die Reformbewegung in Preßburg stärker als in Prag. Wenn Dubcek im Mai 1966 zum ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Slowakei gewählt wurde, spiegelte dies nur die tieferen Beweggründe in der slowakischen Gesellschaft wieder.

Die Situation in der Slowakei war für die Kommunisten sowohl in den 50er als auch in den 60er Jahren viel komplizierter und kritischer als in Tschechien. Die slowakischen Kommunisten konnten sich die Illusion nie erlauben, dass sie durch den Willen der Wähler an die Macht gekommen sind. Sie hatten doch bei der Parlamentswahl im Mai 1946 eine schwere Niederlage erlitten. Sie erzielten nur 30 Prozent der Stimmen, ihr Gegner, die Demokratische Partei, dagegen 60 Prozent. Das machte die slowakischen Kommunisten empfindsamer für die Strömungen in der Gesellschaft. Auch die Kommunistische Partei musste irgendwie auf die Unzufriedenheit der Slowaken mit dem, was man damals den "Prager Zentralismus" nannte, reagieren.

Zwischen Stalinisten und Reformisten

Diese Unzufriedenheit wusste Husak am besten für seine Ziele auszunützen. Husak, der als "bürgerlicher Nationalist" Anfang der 50er Jahre in politischen Prozessen zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden war und Anfang der 60er freigelassen wurde, wollte zurück an die Macht. Er dribbelte sehr geschickt zwischen Stalinisten und Reformisten. In der ersten Hälfte täuschte er die Nähe zum reformistischen Flügel vor, nach der Intervention der Staaten des Warschauer Pakts versuchte er, die Unterstützung des stalinistischen Flügels für seine Interessen zu gewinnen.

Die Sympathien der Bevölkerung waren eindeutig auf der Seite der Reformisten, Dubcek gehört seit dieser Zeit zu den respektierten politischen Persönlichkeiten der Slowakei. Die Illusionen über Husak dauerten bis in die 70er Jahre. Man hoffte, dass er eine ähnliche Strategie verfolgen würde wie Janos Kadar in Ungarn. Es hat sich aber gezeigt, dass er sich voll dem Willen der Stalinisten unterordnete.

Die sogenannte "Normalisierung", der Ausschluss aus dem öffentlichem Leben aller, die sich in den 60er Jahren in der Reformbewegung engagierten, die Lahmlegung des geistigen Lebens, der Druck auf die Kirchen - das alles führte dazu, dass sich auch in der slowakischen Gesellschaft die Idee des Sozialismus voll kompromittierte und vereinzelte Versuche, nach der Wende 1989 an die Reformbewegung der 60er Jahre anzuknüpfen, wurden von der Gesellschaft abgelehnt. Nur wenige Politiker aus den 60er Jahren, praktisch nur Dubcek, konnten sich in den neuen Verhältnissen durchzusetzen. (APA)

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