Historiker: "Dubcek war kein Mann von großer Entschlossenheit"

20. August 2008, 09:07
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Oldrich Tuma: "Viele Anhänger fühlten sich im Stich gelassen" - Die Person Dubcek wurde im Westen anders wahrgenommen als in der Tschechoslowakei

Wien - Er war die Galionsfigur des "Prager Frühlings": Alexander Dubcek. Im Westen wurde der damalige KP-Chef der Tschechoslowakei auch nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen am 21. August 1968 in die CSSR als Lichtgestalt gehandelt. Zumindest in Tschechien ist er aber bis heute umstritten. In seiner engeren Heimat, der Slowakei, ist der Ruf etwas besser. Viele Anhänger fühlten sich später vom Repräsentanten des reformkommunistischen Kurses in der Tschechoslowakei im Stich gelassen.

"Das hatte auch mit seiner persönlichen Struktur zu tun. Er war definitiv kein Mann von großer Entschlossenheit", meint dazu der Historiker Oldrich Tuma. "Es gab, glaube ich, zwei Dubceks", erklärte der Professor am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Prag: "Den einen in den Medien, als Symbol von Mut und Widerstand. Und den wirklichen Dubcek, der kein begnadeter Politiker war."

Allerdings sei der KP-Chef von 1968 eine Persönlichkeit gewesen, die anders war als die kommunistische Riege vor und nach ihm. "Er konnte mit den Leuten sprechen, er konnte ihnen mit einem Lächeln begegnen, er hatte kein Problem, sich ihnen in einem Schwimmbad in der Badehose zu zeigen und Kindern die Hand zu schütteln." Somit passte Dubcek "besser in das aufkommende Medienzeitalter".

Überzeugter Kommunist

Aber: "Als Politiker war er ein überzeugter Kommunist. Es war jenseits seiner Vorstellungskraft, dass er mit den Russen einen echten Konflikt haben könnte." Daher glaubte Dubcek auch, dass er den damaligen Staats- und Parteichef der UdSSR, Leonid Breschnew, überzeugen könne, "dass das, was in der Tschechoslowakei ablief", nicht gegen den Kommunismus gerichtet sei. "Und dass er und die Partei bloß das System verbessern wollten."

Allerdings sei ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen, mutmaßt Tuma: "Ich glaube, es hätte einen Konflikt zwischen dem Volk und den Mächtigen gegeben. Die Menschen hätten immer mehr Freiheiten gefordert, die mit keiner Form des Kommunismus mehr kompatibel gewesen wäre. So wie wir es 1956 in Ungarn gesehen hatten, wo es nicht möglich war, einen gewissen Reformkommunismus im Rahmen zu halten."

Zwei Optionen

Laut Tuma wären wohl zwei Optionen denkbar gewesen: "Einmal die polnische Lösung: Die KP hätte etwas machen müssen wie die KP in Polen Anfang der 1980er-Jahre, wo sie Gewalt angewendet haben. Oder die ungarische Lösung von 1989, wo die Dinge schon so fortgeschritten gewesen waren, dass sich die Partei bereits selbst in eine sozialdemokratische Partei verwandelte, weil sie sich davon Vorteile erhoffte.

Es sei freilich "schwer zu sagen", ob es einen "demokratischen Sozialismus" überhaupt geben könne, so Tuma: "Der Kommunismus kann nicht existieren mit der freien Meinungsäußerung, mit der freien Presse. Mit freien Wahlen. Man kann das System reformieren bis es etwas anderes ist. Aber dann ist es kein Kommunismus mehr."

Nach 1968 wurden die Menschen von ihrem Protagonisten aber enttäuscht, meinte Tuma: "Viele haben im August 1968 gar nicht kapiert, was eigentlich passiert ist und noch nach dem Einmarsch gab es eine Mobilisierung der Massen. Die Gesellschaft, die Studenten, die Gewerkschaften boten Dubcek an: Wir kämpfen für euch, wir gehen für euch auf die Straße. Aber das passierte nicht, weil die Leute rund um Dubcek einen Kompromiss nach dem anderen schlossen oder eine Kapitulation nach der andern."

Tote am ersten Jahrestag

Die Kulminierung dieser "Tragödie oder Komödie" sei der erste Jahrestag, im August 1969, gewesen. "Es waren Zehntausende, Hunderttausende auf den Straßen, vor allem junge Leute, in Prag, Brünn, Liberec (Reichenberg). Und das Regime reagierte auf sehr brutale Weise. Es gab Schießereien und sogar fünf Tote. Die Leute wurden verfolgt, sie wurden geschlagen."

Diese Leute hatten immer noch "Lang lebe Dubcek" gerufen. Tuma: "Am nächsten Tag aber unterschrieb Dubcek ein Sondergesetz, dass es möglich machte, dass diese Leute ohne Gerichtsverhandlung ins Gefängnis gesteckt werden konnten. Für mehrere Wochen. Dass sie von der Schule verwiesen werden konnten. Dass ihnen die Berufsausübung verboten wurde. Also das war wirklich eine Enttäuschung und diese Leute konnten oder wollten wirklich keine Art von Opposition mehr anführen." Die Folgen schätzt der Historiker so ein: "Ab den frühen 1970er-Jahren war die Gesellschaft dann weitgehend vom Kommunismus korrumpiert."

Unterschiedliche Wahrnehmung

Geradezu paradox sei die unterschiedliche Rezeption von Alexander Dubcek gewesen, meint auch der Historiker Jan Pauer von der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen: "Da gab es die Wahrnehmung im Westen, die fast ausschließlich positiv ist und dann diese Entwertung nach 1989 im tschechischen Landesteil. Da wurde Dubcek sogar einmal mit einem Straflager-Aufseher verglichen, wenn auch mit einem netten. Aber es war ein Widerspruch zum Westen, wo er als Vorkämpfer der Menschenrechte gesehen wurde." Aber auch über die Rolle Dubcek werde in Tschechien wohl wieder neu reflektiert werden, glaubt Pauer: "Wer nicht die Frustration des Kommunismus der heute 40-Jährigen erlebt hat, geht mit einer anderen Neugier an die Dinge heran." (APA)

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    Der Historiker Oldrich Tuma über Alexander Dubcek: "Er konnte mit den Leuten sprechen, er konnte ihnen mit einem Lächeln begegnen, er hatte kein Problem, sich ihnen in einem Schwimmbad in der Badehose zu zeigen und Kindern die Hand zu schütteln."

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