Von erster KP-Kritik bis zur Erstickung der Reformbewegung

19. August 2008, 23:41
posten

Wien - Der Versuch, den Kommunismus in der ehemaligen Tschechoslowakei zu reformieren, ist in der Nacht auf den 21. August 1968 brutal niedergewalzt worden. Insgesamt starben etwa 500 Menschen durch den Einmarsch und im zivilen Widerstand. Die Reformbewegung "Prager Frühling" währte nur kurz. Die erste öffentliche Kritik an der kommunistischen Partei (KPC) wurde im Juni 1967 geäußert. Geendet hat es mit dem Moskauer Diktat. Eine Chronologie:

27.-29.6.1967

Auf einem Kongress des tschechoslowakischen Schriftstellerverbands üben Redakteure der "Literarni noviny" wie Vaclav Havel und Pavel Kohout erstmals direkte Kritik an der Kulturpolitik der kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPC).

19.-21.12.1967

Sitzung des Zentralkomitees der KPC: Der unpopuläre Staats- und Parteichef Antonin Novotny wird aufgefordert, vom Amt des Ersten Sekretärs der KPC zurückzutreten.

3.-5.1.1968

Ämtertrennung: Der Reformer Alexander Dubcek wird Parteichef. Novotny bleibt Präsident.

24.1.1968

Der Schriftstellerverband beschließt, das Wochenmagazin "Literarni listy" herauszugeben, das zur Plattform der Reformbewegung wird.

4.3.1968

Das Parteipräsidium der KPC beginnt mit der Aufhebung der Presse-Zensur.

22.3.1968

Rücktritt von Staatspräsident Novotny auf Druck der Bevölkerung und der KPC-Parteiführung.

30.3.1968

Ludvik Svoboda wird zum Präsidenten gewählt.

5.4.1968

Die KPC verabschiedet ein Aktionsprogramm, das Dubceks Vorstellung eines "Kommunismus mit menschlichem Antlitz" verwirklichen soll.

6.-8.4.1968

Die CSSR-Regierung tritt zurück und wird neu gebildet. Die Reformer haben nun die Mehrheit.

19.4.-20.4.1968

Der Oberbefehlshaber des Warschauer Pakts verhandelt mit Militärvertretern über die Tschechoslowakei. Weitere Verhandlungen folgen.

24.4.1968

Die Regierungserklärung verspricht Wirtschaftsreformen, Aufhebung der Zensur, Rehabilitierung der Opfer politischer Verfolgung und vermehrte Reisemöglichkeiten.

27.6.1968

"Manifest der 2000 Worte": Intellektuelle verlangen in dem Schlüsseldokument des "Prager Frühlings" die Weiterführung und Ausweitung der Reformen. Die Bevölkerung nimmt diese Forderungen begeistert auf.

14.-15.7.1968

Treffen der Parteichefs der Sowjetunion, Polens, Ungarns, Bulgariens und der DDR in Warschau. Die politische Entscheidung zur Besetzung der CSSR durch Truppen des Warschauer Paktes fällt. "Die Fünf" setzen Prag ein Ultimatum.

23.7.1968

Beginn von Militärübungen in der Sowjetunion, später auch Manöver sowjetischer, polnischer, ungarischer, bulgarischer und ostdeutscher Armeen.

29.7.1968

Im ostslowakischen Cierna nad Tisou wird Dubek verstärkt unter Druck gesetzt. Bei Beratungen zwischen der KPdSU und der KPC wird "eine Übereinkunft" erzielt. Dubcek sagt zu, Reform-Exponenten sofort zu entlassen, die Medien zu "beherrschen", die Klubs "aufzulösen" und die "Arbeit der Sozialdemokratischen Partei zu unterbinden".

3.8.1968

Treffen der Ostblockführer in Bratislava: Dubek wird das Versprechen abgerungen, die kritische Führung von Fernsehen und Rundfunk sowie mehrere Reformer im ZK abzusetzen.

30.7.1968

Die tschechoslowakische Botschaft in Warschau meldet eine hohe Anzahl von sowjetischen Panzern in Polen, die sich auf die tschechoslowakische Grenze zubewegt. Eine ähnliche Meldung aus Budapest folgt am 1.8.

9.-11.8.1968

Der jugoslawische Staatschef Tito besucht die Tschechoslowakei demonstrativ.

16.8.1968

Der rumänische Staats- und Regierungschefs Nikolae Ceausescu stattet der CSSR einen Besuch ab, um einen Freundschafts- und Bündnisvertrag abzuschließen.

17.8.1968

Nach mehrmaliger Unmutsäußerungen über die mangelnde Einhaltung der Vereinbarungen von Cierna und Bratislava beschließt die KPdSU, eine militärische Intervention zum frühestmöglichen Zeitpunkt. Polnische, ostdeutsche, ungarische und bulgarische Politiker befürworten diese Entscheidung am 18.8.

19.8.1968

Der letzte Warnbrief der KPdSU wird Präsident Svoboda auf der Prager Burg übergeben. Truppen des Warschauer Pakts bringen sich in Position. KGB-Offiziere reisen getarnt als Touristen in die Tschechoslowakei ein.

20.8. 1968

Das ZK der tschechischen KP tagt. Regierungschef Oldrich Cernik wird während der Sitzung gegen 23.00 Uhr informiert, dass die Warschauer-Pakt-Truppen die Staatsgrenze überschritten haben.

20./21.8.1968

Einmarsch in der CSSR durch Streitkräfte der UdSSR, Polens, Ungarns und Bulgariens. Auseinandersetzungen zwischen den Truppen und der Zivilbevölkerung in Nordböhmen. Mehrere Verletzte sind die ersten Opfer der Invasion. Erste Panzer treffen gegen 4.30 Uhr früh beim ZK-Gebäude ein und beginnen mit der Besetzung. Regierungschef Cernik und Parteichef Dubcek werden verhaftet.

23.8.-26.8.1968

Verhandlungen tschechoslowakischer und sowjetischer Regierungsvertreter in Moskau. Svoboda hat darauf gedrängt, nach Moskau zu reisen, wohin die Führung um Dubcek gebracht worden ist.

26.8.1968

Die tschechoslowakische Führung unterzeichnet nach "Verhandlungen"in Moskau das so genannte "Moskauer Protokoll", das u.a. Rücknahme der Reformen, Wiedereinführung der Zensur und Stationierung sowjetischer Truppen in der Tschechoslowakei festlegt. (APA)

Quelle: Stefan Karner - Natalja Tomilina - Alexander Tschubarjan u.a. (Hg.): Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968. Böhlau-Verlag

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.