"Alle Planwirtschaft ist von Übel"

19. August 2008, 21:33
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FWF-Geschäftsführer Gerhard Kratky und Forschungsratschef Knut Consemüller im STANDARD-Interview

Warum der Programmwildwuchs schon, Steuerförderung aber nicht gestoppt werden sollte, darüber diskutierten FWF-Geschäftsführer Gerhard Kratky und Forschungsratschef Knut Consemüller. Luise Ungerboeck fragte.

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STANDARD: Der Wissenschaftsfonds FWF macht gegen die vom Forschungsrat forcierten thematischen Förderprogramme mobil. Was ist so schlecht, wenn gut beackerte Forschungsfelder ausgebaut werden und mehr Geld bekommen?

Kratky: Grundsätzlich wissen die Wissenschafter und Wissenschafterinnen am besten, wo es langgeht, sie können Innovationspotenziale am besten aufspüren. Deshalb sollen Wissenschafter entscheiden, in welchen Themen am meisten geforscht wird. Daher sollte sich die Politik mit thematischen Vorgaben zurückhalten, weil dirigistische und planwirtschaftliche Methoden suboptimal sind.

Consemüller: Das kann man insgesamt unterschreiben. Alles Planwirtschaftliche ist von Übel, gerade in der Wissenschaft. Das Optimum wäre, alles Geld der Bottom-up-Grundlagenforschung zu geben, und am Ende müsste ein marktfähiges Produkt herauskommen. Dann bräuchte man keinen Forschungsrat und keine Budgetstreits und so. Leider ist das aber Theorie. Es brauchte vor zehn Jahren Schwerpunkte: Geld, Humanressourcen und Strukturreformen. Inzwischen ist Geld nicht mehr erstes Problem, sondern Humanressourcen, dann die Strukturreformen und erst dann - zumindest im Moment - der Geldbedarf.

STANDARD: Die Politik soll also Millionen zahlen und kuschen?

Kratky: Nein. Strukturierte Forschungspolitik mit Spezialprogrammen, Exzellenzclustern usw. ist eine Notwendigkeit. Wir spüren einen verstärkten Trend zu thematischen Programmen, und den halte ich für problematisch, zumal der Forschungsrat in der Strategie 2020 wieder eine thematische Schwerpunktsetzung vornehmen will. In schwache Strukturen mehr Geld zu schütten bringt nichts.

Consemüller: Herr Kratky, Sie haben völlig Recht, das Modell des FWF mit Schwerpunkt Bottom-up-Förderung ist ideal und unbestritten. Aber: Mit thematischer Akzentsetzung im Hintergrund. Denn wir können gar nicht anders, als thematische Rangreihungen vorzunehmen, weil wir keine Anträge bekommen und daher auch nicht sehen, was die thematischen Rangreihen in Medizin, bei Werkstoffen, Infrastruktur, Energie und Umwelt sind. Deshalb müssen wir bei der Forschungsförderung bei den gesellschaftsrelevanten Themen ansetzen.

Kratky: Aber die Relationen sind zu hinterfragen, in der FFG (Forschungsförderungsgesellschaft, Anm.) sind die thematischen Programme überbordend. Die Nachteile werden nicht aufgezeigt und auch kaum diskutiert.

STANDARD: Liegt das vielleicht daran, dass es für Minister so schön ist, die Geldverteilungsmaschine anzuwerfen? Das geht am leichtesten über thematische Programme ...  

Consemüller: Da könnte was dran sein. Aber es liegt vielleicht auch daran, dass wir bei der Strategie 2010 nur Input-Größen zur Verfügung hatten, aber kaum Output-Größen. Das hat sich inzwischen geändert, und wir können uns nun auch an wirtschaftlichen Bedürfnissen orientieren. Andererseits war es uns nicht möglich, vernünftige Empfehlungen für den IKT-Bereich auf den Tisch zu bekommen, obwohl wir dafür drei Spezialisten im Rat hatten - vielleicht waren es zu viele Spezialisten. Wir sind ja offen für Verbesserungsvorschläge. Aber: Wir müssen auch bestehende Schwächen ausmerzen.   

STANDARD: Die Diskrepanz ist selbst für Laien erkennbar: Die Wirtschaft bekommt jährlich viele Millionen an indirekter, also steuerlicher Forschungsförderung, und kein Mensch schaut, ob damit sinnvolle Forschung und Entwicklung finanziert wird. Aber bei der Direktförderung, die Wirtschaft und Universitäten zugute kommt, werden thematische Einschränkungen gemacht. Dürfen wir auf Kursänderung hoffen?

Consemüller: An dieser Bemerkung ist wohl sehr viel Wahrheit dran. Es wurde Awareness geschaffen, viel Fresh Money bereitgestellt, und da schlägt das Pendel schon mal zu weit in die falsche Richtung. Aber: Die indirekte Förderung ist neben der direkten allein aufgrund der Wirtschaftsstruktur eines der wichtigsten Werkzeuge, weil Österreich 99 Prozent Kleinbetriebe hat, die praktisch keine Forschung machen und ohne Fachhochschulen auch keine Ansprechpartner auf Augenhöhe hatten. Aber: Österreich erhält über 20 Prozent der F&E-Aufträge aus dem Ausland - eine Folge der indirekten Förderung. Das sollten wir erhalten, ohne den richtigen Weg - Modell FWF - zu verlassen.      

Kratky: Das Problem bei der indirekten Forschungsförderung ist, dass sie ohne Qualitätswettbewerb passiert. Jeder kriegt Geld ungeachtet der Qualität. Bei der Mittelverteilung ist aber die Qualität entscheidend, und die bekommt man weder mit der Gießkanne noch mit Dirigismus über Themenvorgaben. Das geht nur über die Bewertung des Innovationspotenzials, der Methoden, des Ressourceneinsatzes und ähnlichem - wie beim FWF.

Consemüller: Nein, auch bei steuerlicher Förderung entscheidet der Wettbewerb. Der Markt entscheidet, ob ein Produkt verkaufbar ist oder sich am Markt eben nicht behauptet. Fährt man das zurück, hat das zum Ergebnis, dass nicht nur Entwicklung und Produktion gestoppt werden, sondern dass auch zukünftiges Geld in die andere Richtung fließt. Die Regulierung bringt hier also genauso der Markt, wie bei FWF-Projekten der Wissenschaftsmarkt der Regulierer ist.

Kratky: Das ist im Prinzip richtig, allerdings bleibt der innovatorische Ansatz unberücksichtigt. Mit der indirekten Forschungsförderung wird ja jede marginal kleine Verbesserung honoriert. Was wir aber brauchen ist die Förderung von Risikobereitschaft und eine entsprechende Innovationshöhe. Und das geht nur im Wettbewerb. Wenn die staatlichen Fördergelder alle kriegen, ist keine Auslese nach Projekten mit besonderer Innovationskraft möglich. Staatliches Geld sollte doch genau dorthin fließen, wo das Risiko besonders groß ist und es nicht um ein Schrauberl mehr oder weniger geht.

Consemüller: Das wäre so apodiktisch nur richtig, wenn es andere, bessere Hebel gäbe in einem so kleinen Land wie Österreich ohne Riesenkonzerne. Jedes Land braucht nicht nur etwas für die Spitzenforschung, sondern auch etwas für den Durchschnitt.

STANDARD: Was kann man nun gegen thematischen Wildwuchs tun? Die Nano-Initiative beispielsweise war sehr teuer, aber kein Heuler.

Kratky: Gegen das "Stärken stärken" gibt's keinen Einwand, aber Schwerpunkte müssen "bottom-up" entstehen und dürfen nicht "top-down" verordnet werden. Der FWF hat in Nano 55 Millionen Euro investiert. Daneben wurde aber ein eigenes Programm mit riesigem Administrationsaufwand gemacht, um die Genehmigungsquote auf 70 Prozent zu verdoppeln, das halte ich für zweifelhaft.

Consemüller: Dazu muss man die Entstehung der Nanoinitiative beachten. Es ging damals darum, das im 6. EU-Rahmenprogramm nicht mehr berücksichtigte, für Österreich aber wichtige Thema Werkstoffe zu erhalten. Nano hat in der Steiermark wirklich was gebracht, im Bund wurde es wahrscheinlich zu großzügig bedacht. Wir müssen Schwächen beheben, aber auch Neues fördern.  (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2008)

Personen

Knut Consemüller (67) ist seit 2000 Vorsitzender des Rats für Forschung und Technologieentwicklung. Bis 2007 war der promovierte Metallurge aus Dortmund im Vorstand von Böhler-Uddeholm, bis 1991 bei der Voest-Alpine Stahl AG und bei Hösch Stahl in Dortmund.

Gerhard Kratky (63) ist seit 2003 beim Wissenschaftsfonds FWF, zunächst als Generalsekretär, dann Geschäftsführer. Zuvor war er geschäftsführender Gesellschafter der Compass-Datenbank und von 1995 bis 1999 Geschäftsführer des Liberalen Forums.

  • Knut Consemüller: Auch bei der steuerlichen Förderung entscheidetder Wettbewerb. Denn der Markt entscheidet, ob ein Produkt verkaufbar ist.
    foto: standard/robert newald

    Knut Consemüller: Auch bei der steuerlichen Förderung entscheidetder Wettbewerb. Denn der Markt entscheidet, ob ein Produkt verkaufbar ist.

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    Gerhard Kratky: Bei der Mittelverteilung ist der Qualitätswettbewerb entscheidend, und der geht weder mit der Gießkanne noch mit Dirigismus.

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