"Die Branche ist sehr konservativ"

19. August 2008, 21:59
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Herbert Gartner von SensorDynamics im STANDARD-Interview über Hemmschwellen beim Einsatz von drahtlosen Sensoren im Auto

STANDARD: Mit drahtlosen Sensoren könnte man schon heute die kilometerlangen Kabelstränge im Auto ersetzen. Warum macht sich die Technologie im Fahrzeug noch rar?

Gartner: Der Durchbruch wird noch einige Jahre auf sich warten lassen. Er wird jedoch mittels der Fail-Safe-Technologie erfolgen, die ihren Ursprung in der Raumfahrttechnologie hat - damals allerdings noch kabelgebunden. In der Gebäudetechnik ist die kabellose Variante derzeit stark auf dem Vormarsch, dort ist die Hemmschwelle etwas geringer.

STANDARD: Warum die Zurückhaltung? Im Prinzip hat die Technologie doch schon die nötige Reife - auch für sicherheitskritische Anwendungen im Automobil.

Gartner: Die Automobilbranche ist sehr konservativ, da neue Technologien sofort und mit "null Fehlern" funktionieren müssen. Da dauert eine Einführung gerne etwas länger. Außerdem haben wir in der Automobiltechnik sehr viele Störfaktoren. Denken Sie nur an die hohen Ströme, die geschaltet werden müssen. Nur eine extrem robuste Funktechnik ist resistent gegen Wechselwirkungen. Nur bei Systemen mit geringen Sicherheitsanforderungen kommt die Technologie schon heute zum Zug.

STANDARD: Wo werden drahtlose Sensoren im Fahrzeug denn bereits eingesetzt?

Gartner: Zum Beispiel für das Keyless-go-System. Dabei erkennt ein Näherungssensor, wenn sich die Hand dem Türgriff bis auf wenige Zentimeter nähert. Dieser schaltet das System ein. Ist ein Schlüssel mit dem richtigen Code in Reichweite, wird die Tür automatisch aufgeschlossen. Bei manchen Anwendungen müssen die Sensoren sogar per Definition drahtlos sein - etwa bei der Überwachung des Reifendrucks. Auch das läuft heute schon ohne Kabel.

STANDARD: Wie werden solche Sensoren mit Energie versorgt?

Gartner: Künftig wird man Energy-Harvesting-Methoden nutzen: Dabei werden zum Beispiel die natürlichen Schwingungen und Vibrationen im Automobil, also Bewegungsenergien ausgenutzt. Piezoelemente, die Drücke in Strom umwandeln können, werden hier eingesetzt. Oder Thermoelemente, die wiederum Hitze in elektrische Energie wandeln. Die Energiemengen sind zwar winzig klein, reichen aber vollkommen aus, um Sensoren mit Energie zu versorgen.

STANDARD: Welche Sensorsysteme werden als Nächstes drahtlos?

Gartner: Wir haben eine Reihe von Kundenanfragen für nicht sicherheitsrelevante Schaltersysteme wie Lichtschalter oder Fensterheber sowie für Applikationen aus dem Komfortbereich, die mit Fail-Safe-Wireless-Technologie ausgestattet werden sollen. (Denis Dilba/DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2008)

Zur Person
Herbert Gartner (41) ist Mitglied des Vorstands der SensorDynamics AG. Nach seinem Studium der Elektrotechnik und Wirtschaft an der TU Graz und der ETH Zürich war er u. a. Manager bei der austriamicrosystems AG.

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