Im Trüben nach Fakten fischen

19. August 2008, 19:38
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Der Umwelttoxikologe Siegfried Knasmüller wehrt sich gegen die Vorwürfe, er habe seine brisante Analyse des Donaukanal-Wassers erst nach Jahren öffentlich gemacht

Wien - Es ist schon recht viel Wasser den Donaukanal hinuntergeflossen, seit der UmweltoxikologeSiegfried Knasmüller in Wasserproben, die er 1999 und 2000 gezogen hatte, krebserregende Substanzen - so genannte heterozyklische aromatische Amine (HAAs) - gefunden hat. Die Wellen gehen seit Bekanntwerden der Testergebnisse aber unvermindert hoch.

Knasmüller, der an der Med-Uni Wien eine Arbeitsgruppe am Institut für Krebsforschung leitet, wehrt sich nun im Gespräch mit dem Standard gegen Vorwürfe, er habe sich mit den bedenklichen Ergebnissen erst nach sieben Jahren an die Stadt Wien gewandt. „Die Daten sind 2000 in der Fachzeitschrift Mutation Research international publiziert worden und auf wissenschaftlichen Tagungen, auch in Österreich, vorgestellt worden", sagt der Krebsforscher.

Derzeit keine Überschreitung

Für Karl Wögerer, Sprecher von Umweltstadträtin Ulli Sima (SP), steht hingegen fest: „Knasmüller wollte Geld, um veraltete Daten zu aktualisieren." Eine von der MA 45 (Wasserbau) in Auftrag gegebene chemische Wasseranalyse durch den emeritierten TU-Chemiker Werner Wruss hat nun ergeben, dass an keiner der fünf Messstellen der Referenzwert von 0,5 Mikrogramm pro Liter Wasser überschritten wurde. Das endgültige Analyse-Ergebnis soll im Herbst vorliegen. Wögerer: „Wir haben das Wasser von einem unabhängigen Ziviltechniker untersuchen lassen und alle Einleitungen überprüft, auch diese sind in Ordnung." Natürlich sei es möglich, dass derzeit keine heterozyklischen Amine mehr vorhanden sind, räumt auch Knasmüller ein.

Der Wissenschafter hatte zwischen 1996 und 2000 im Auftrag des Bundes die Wasserqualität in der Mitterndorfer Senke untersucht. In den Vergleichsproben, die er im Donaukanal nahm, fand sich bei dem biologischen Verfahren an allen Messstellen die karzinogenen Substanzen im Wasser. HAAs entstehen beim starken Erhitzen von Fleisch, Fleischkomponenten oder Fisch und sollen bei der Entstehung von Dickdarmkrebs eine Rolle zu spielen.

Bei dem Verfahren, das Knasmüller angewendet hat, werden Zellen von Pflanzen, Säugetieren und Bakterien mit dem Wasser in Kontakt gebracht. Danach wird untersucht, ob es Veränderungen oder Schäden an der Erbsubstanz der Zellen gibt. Wenn dies der Fall ist, dann sei dies „ein Warnsignal", sagt der Umwelttoxikologe. Die Bakterien hätten im so genannten Blue-Cotton-Test positiv auf heterozyklische Amine reagiert.

Im Mai 2007 wandte sich Knasmüller schließlich in einem Brief an Bürgermeister Michael Häupl (SP), mit der Bitte, seine Versuche wiederholen zu können. Nach mehreren brieflichen und telefonischen Urgenzen habe es schließlich heuer im Frühjahr ein Gespräch mit Beamten der MA 45 gegeben. Knasmüller übermittelte einen Kostenvoranschlag an die Magistratsabteilung. „In der Minimalvariante hätte das über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren rund 35.000 Euro gekostet. Die Stadt entschied sich anders und beauftragte Wruss mit der Untersuchung.

Auch die unabhängige Wiener Umweltanwältin Andrea Schnattinger erhielt von Knasmüller im Mai 2008 eine Kopie des Briefes an Häupl. Schnattinger versuchte den Wissenschafter zu erreichen, dieser war aber beruflich für einige Wochen im Ausland und meldetet sich danach nicht mehr bei ihr. Die Rathaus-Opposition fordert Aufklärung, Grüne und ÖVP haben einen Sonder-Umweltausschuss zum Donaukanal beantragt. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 20.8.2008)

  • Gefährdete Angler-Idylle am Donaukanal: Der Experte bekräftigt seine Vorwürfe, die Opposition fordert Aufklärung.
    standard/christian fischer

    Gefährdete Angler-Idylle am Donaukanal: Der Experte bekräftigt seine Vorwürfe, die Opposition fordert Aufklärung.

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