Georgische Ritter gegen unbeeindruckte Russen

19. August 2008, 18:11
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Demonstranten rennen gegen Checkpoints an - Die russische Armee hält die Hauptroute des Landes blockiert

"Sakartvelo! Sakartvelo! Kho!" , rufen sie und laufen auf den russischen Militärposten zu. Die blitzweißen georgischen Fahnen mit ihren vier kleinen roten Kreuzen hüpfen dabei auf und nieder, und weil die wichtigste Straße des Landes ohnehin leergefegt ist von Fahrzeugen, möchte man meinen, eine Hundertschaft von Rittern stürmt auf den Gegner zu und brüllt sich Mut zu: "Georgien! Georgien! Ja!"

Knapp 40 Kilometer vor der Hauptstadt liegt der erste Kontrollpunkt der russischen Armee. Am Eingang des Dorfes Igoeti hat sie sich mit zwei Panzern eingegraben und Autoreifen auf die Straße gerollt. Die fahnenschwenkende Ritterschaft stimmt die georgische Nationalhymne an. Es sind die Frauen, die angefangen haben zu singen, vorsichtig zuerst, dann immer lauter werdend. Die Männer klatschen Beifall nach der ersten Strophe.

Die Russen müssen raus, sagt ein junger Mann, dessen Gesicht schon ein wenig von der Mittagssonne gerötet ist und wohl auch vom Alkohol. Das ist Giorgi Megrelaschwili, ein Student der Technischen Universität. Die Studenten aus Tiflis sind es, die an diesem Dienstag die erste Demonstration gegen die Besatzer organisiert haben. Giorgi wird später seine Fahne an das Schild über dem Lewkhura-Fluss in Sichtweite des russischen Postens binden. Seine Freunde werden ihn dafür küssen.

Keine 30 Minuten dauert heute die Freiheit der Georgier. So lange braucht man mit dem Auto, um aus dem Zentrum von Tiflis zum Checkpoint von Igoeti zu rasen. Dort endet die Welt. Es gibt keine Lastwägen, die in die Hauptstadt fahren und Lebensmittel transportieren, keine Busse oder Privatfahrzeuge, die Menschen aus dem Westen des Landes nach Tiflis bringen könnten.

Eiserner Griff Russlands

Von einem Rückzug der Russen, elf Tage nach dem Blitzkrieg gegen die Georgier, kann hier keine Rede sein. Fünf bis sechs Kontrollpunkte sind es bis Gori, ein eiserner Griff, mit dem die russische Armee dem Land den Atem raubt. Nein, Michail Saakaschwili, der Präsident, habe keinen Fehler gemacht mit dem Angriff auf die Südosseten. "Wie kann das ein Fehler sein, wenn man Frieden bringen will und sein Land verteidigt?" , sagt Megrelaschwili, als ob er gerade die logischste Sache der Welt erklären würde.

Limousinen und Geländefahrzeuge ausländischer Diplomaten bahnen sich einen Weg durch die Demonstranten, um sich ein Bild von der Lage am Kontrollpunkt zu machen. Einer streckt die Hand aus dem Fenster, den Daumen nach oben. Lastwagen und angemietete Busse der UNO folgen, aus den Fenstern lugen Säcke voll mit Gemüse. Es sind Hilfslieferungen für die Menschen in Gori, 20 Kilometer weiter.

Georgische Polizisten in Zivil sind es wohl, die dann den Zug der Demonstranten vor der Brücke über den Lewkhura zum Halt bringen. "Wir gewinnen!" , rufen die Studenten auf die andere Seite hinüber und wieder "Georgien! Ja!" . Einer rennt vor, die Fahne in der Hand, und wird wieder eingefangen. Die Russen scheinen das nicht sonderlich ernst zu nehmen. "Sie werden nicht hinüberkommen" , sagt einer von ihnen am Kontrollpunkt Igoeti. "Ob wir gehen" , sagt ein zweiter und meint damit den Rückzug der Armee, "hängt alles von den Georgiern ab." Der Weg nach Gori, eine der Städte, die von der Armee besetzt sind, sei übrigens frei, sagt der junge Soldat, "paschalsta" - "bitte sehr!".

Es ist eine verwunderliche Eröffnung, die den Blick auf den Propagandakrieg zwischen den beiden Seiten freigibt. Die Georgier glauben den Zusicherungen der Russen kein Wort, und die georgischen Polizeikontrollen zwischen Tiflis und Igoeti würden wohl auch keinen normalen Verkehr in den Westen an den Russen vorbei durchlassen. Die russischen Soldaten wiederum wollen Normalität vorspielen und sagen doch, dass sie keine Garantie übernehmen für das, was hinter ihrem Kontrollpunkt geschehen könnte.

Marodierende Milizen

Berichte über marodierende südossetische Milizen kursieren. Der Krieg ist noch nicht vorbei. 25 Gefangene werden an diesem Tag auch rasch in Igoeti ausgetauscht - fünf russische Soldaten, darunter zwei Piloten, deren Maschinen die georgische Armee abgeschossen hatte, und 20 Georgier, die in Südossetien gefangen genommen wurden. Einige sind so schwer verletzt, dass sie in rasendem Tempo von Ambulanzwagen in die Hauptstadt gebracht werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2008)

 

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Demonstranten an einem russischen Checkpoint auf der Staße Tiflis-Gori

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