Wenig denken, wenig tun, viel reden

19. August 2008, 17:59
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Fußballer-Gewerkschafter Novotny über chronische Versäumnisse der Sportpolitik

Wien - "Es fehlt im Spitzensport und im Breitensport an verbindlichen politischen Aussagen. Nur im Skisport gibt es sie, ansatzweise." Dort funktioniert die öffentliche Argumentation hauptsächlich über den Tourismus, also das Geschäft. Aber in den Bereichen Soziales, Vorbild oder Gesundheitsprävention vermisst Rudolf Novotny (54) eine klare politische Linie. Er hat die "Fußballergewerkschaft" (Vereinigung der Fußballer, VdF) im ÖGB aufgebaut. Seit rund zwanzig Jahren bemüht er sich darum, dass die Sportler und ihre Interessenvertreter von Politikern auch ernst genommen werden, wenn keine Medaillenfeiern und Fototermine zu absolvieren sind. Novotny: "Langsam kommen auch die Letzten drauf, dass wir in Mannschaftssportarten inexistent sind."

Ein beispielhaftes Missverhältnis von Propaganda und Wirklichkeit stellt Novotny im "roten Wien" fest, das von der Rathausregierung und der ressortmäßig zuständigen Vizebürgermeisterin Grete Laska zur Musterstadt schöngeredet wird. Novotny: "Wien hat es seit Jahrzehnten verabsäumt, über das Angebot Nachfrage zu schaffen. Das Budo-Center war die letzte Initiative. Die Handballer spielen in der Altgasse, einem uralten Saal. Die Schwimmer, die Eishockeyspieler, die Radfahrer, die Leichtathleten haben keine geeignete Halle." Und Wien verfügt über kein zeitgemäßes Fußballstadion, das Horr-Stadion ist ein elendes Flickwerk, das Hanappi-Stadion detto, das Happel-Stadion ein gelifteter Anachronismus.

Die Sportpolitik leidet nicht nur unter der teuren Doppelgleisigkeit von Sportstaatssekretär (VP) und Sportminister (SP), sie hat seit Jahrzehnten keine Reform zustande gebracht. Das Sportressort im Bundeskanzleramt hat eine urkomische Evaluierung beauftragt: Die Verbände selbst müssen angeben, was sie schlecht machen.

Funktionärsschutzgesetz

Die Diskussion über den vor rund sieben Jahren begonnenen Entwurf für ein Berufssportgesetz ist längst wieder entschlummert. Novotny: "Es wäre in der vorliegenden Form eher ein Funktionärsschutzgesetz. Der Beitrag der Sportler war erschütternd." So unverzichtbar der Beitrag der freiwilligen, gratis arbeitenden Funktionäre auch sei, so Novotny, müsste dennoch eine Abgrenzung und Beschreibung ihrer Zuständigkeiten und Verantwortung vorgenommen werden. Im Fußball seien traditionsreiche Standorte wie Steyr, St. Pölten und Bregenz von Funktionären praktisch vernichtet worden. Auch in der Pleite des FC Tirol hatte den Schaden (neben den um ihre Verträge umfallenden Kicker) mehr oder weniger die Allgemeinheit zu tragen.

Vor Monaten akzeptierte die Bundesliga den Kollektiv-Vertrag (KV) für die Fußballer, nach fast einem Jahrzehnt des Hinhaltens und Verhandelns. Hätte es die Serie an Mega-Flops vom FC Tirol über Sturm Graz bis zum GAK nicht gegeben, wäre er noch Fiktion. Er legt Umfeldbedingungen für Klubs und Fußballer fest und leistet zumindest teilweise die von Novotny von der Politik geforderte Arbeit.

Das leidige Problem mit den Ausbildungsentschädigungen löst der KV nicht. Novotny: "Für ein Kind, das im Amateurfußball von Petronell nach Hainburg wechselt, ist eine Zahlung Voraussetzung. Ich verstehe nicht, dass der ÖFB über dieses sittenwidrige Regulativ, deswegen Buben aufhören zu spielen, nicht einmal nachdenken will." Die unangemessene Macht der Landesverbände verhinderte eine Weiterentwicklung. Novotny: "Natürlich kostet Ausbildung Geld. Wir sollten über eine Kostenbeteiligung der Eltern nachdenken, die hätten dann wenigstens Anspruch, dass sich ein guter Trainer gegen Bezahlung um ihre Kinder kümmert und nicht irgendwer, der das umsonst macht." (Johann Skocek - DER STANDARD PRINTAUSGABE 20.8. 2008)

 

 

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