"Wünsche gehören zu Weihnachten"

19. August 2008, 18:05
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Italien empfängt heute im neutralen Nizza Österreich. Teamchef Karel Brückner gibt seinen Einstand. Andreas Ivanschitz möchte unbedingt Kapitän bleiben

Es mutet grotesk an, hat allerdings auch einen gewissen Charme, dass Karel Brückners erste Dienstreise als österreichischer Teamchef nach Frankreich führte. Um am Mittwoch in Nizza, im Stade du Ray, gegen Weltmeister Italien Fußball zu spielen. Zur Beruhigung: Dies ist und bleibt eine Ausnahme, in der WM-Qualifikation wird zum Beispiel gegen Litauen durchaus in Litauen und nicht in Lettland gekickt. Gleiches gilt für die Heimtreffen mit Frankreich, Serbien, Rumänien und den Färöer Inseln. Die werden selbstverständlich ausschließlich in Österreich abgewickelt. Schön blöd wäre der ÖFB, würde er auf diesen Vorteil verzichten.

Weshalb der italienische Verband Nizza als Austragungsort gewählt hat, ist dem Tschechen Brückner völlig egal. Er wurde nicht engagiert, um sich den Kopf von Marcello Lippi zu zerbrechen. Und die Fußballplätze sind überall gleich. Angeblich werden in Italien die Stadien renoviert. Lippi ist übrigens auch eine Art Debütant, nach dem WM-Titel 2006 ist er freiwillig als italienischer Teamchef zurückgetreten. Nun strebt er quasi eine Wiederholung an, nach dem nicht gänzlich auszuschließenden WM-Titel 2010 in Südafrika würde er sicher wieder aufhören.

Ziele und Absichten

Brückner, der "weißer Vater" genannt wird, äußerte vor dem Match keine Wünsche: "Denn Wünsche gehören zu Weihnachten, nicht zum Fußball. Da gibt es Ziele und Absichten." Natürlich gehe es auch um ein gutes Resultat. Ob er mit einem Unentschieden zufrieden wäre? "Kommt drauf an. Wenn wir 3:0 geführt haben, dann sicherlich nicht." Öffentliche Gespräche über Systeme, Taktiken und Aufstellungen lehnt er strikt ab. "Das wird intern geklärt."
Man hat sich also bereits beschnuppert. Einige Kicker, erzählte der 68-jährige Brückner nach dem ersten Training, "habe ich noch nie davor gesehen. Aber mein Eindruck war sehr positiv, alle zeigten Willen." Die Spieler selbst gaben Belanglosigkeiten wie "Er wirkt sympathisch" (Roland Linz) oder "Lassen wir uns überraschen" (Stefan Maierhofer) von sich. Andreas Ivanschitz wurde ein bisserl konkreter. "Er strahlt Ruhe, Sachlichkeit und Erfahrung aus."
Ivanschitz darf gegen Italien Kapitän sein. Seit vier Jahren trägt der 24-Jährige die Binde, Brückner hat aber nicht ausgeschlossen, einem anderen die Verantwortung zu übertragen. Ivanschitz versteht die Diskussion nicht wirklich, "obwohl mir klar ist, dass es im Ermessen des Teamchefs liegt" . Er, Ivanschitz, sehe keinen Grund, "das zu ändern. Ich habe die schwierigen Phasen hinter mir. Ich bin überzeugt, ein guter Kapitän zu sein." Brückner saß übrigens neben Ivanschitz. Möglicherweise hat ihm der spontane Mutanfall des Legionärs von Panathinaikos Athen sogar ein bisserl imponiert. Vielleicht aber auch überhaupt nicht

Positive Stimmung

Ivanschitz sagte noch, dass der Konkurrenzkampf in Athen größer geworden ist, und dass er die EM abgehakt hat. "Eine wichtige Erfahrung. Es war schön, dass wir mitgehalten haben. Weniger schön war die schlechte Chancenauswertung. Wir haben mehr drauf, als wir zeigen konnten." Nun stehe man vor einer anderen, völlig neuen Aufgabe, der WM-Qualifikation. "Obwohl die Gruppe wahnsinnig schwierig ist, glaube ich fest an uns. Wir können es packen. Die Stimmung ist positiv, die Fans haben Vertrauen zu uns."

Brückner, der weiße Vater, wirkte vor seinem ersten Spiel nicht nur gelassen, er ist es wohl auch. "Ich mache das seit 35 Jahren. Natürlich muss eine gewisse Anspannung vorhanden sein." Dass Italien regierender Weltmeister ist, hat er nicht besonders betont. Brückner setzt ein zumindest minimales Grundwissen voraus. Dass Österreich zuletzt 1960 in Neapel 2:1 gewonnen hat, und dass die Bilanz gar nicht so schrecklich ist (13 Siege, 16 Niederlagen, 7 Remis), haben sie ihm vielleicht erzählt. Jetzt ist er endlich in Nizza. Wunschlos. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, 20.08.2008)

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    Teamchef Karel Brückner setzt in Nizza gegen Italien auf Kapitän Ivanschitz.

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