Die Alpenkulisse zur Moderne

19. August 2008, 17:18
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Eine Ausstellung widmet sich der Künstlerkolonie in Murnau vor genau 100 Jahren

Murnau - Ein schöner Ort in Oberbayern am kleinen Staffelsee mit den Alpen als Kulisse: Vor hundert Jahren muss Murnau noch viel ruhiger und dörflicher gewesen sein - "nischt wie Jegend" , hätten Berliner Urlauber gesagt. Diese Gegend hatte eine Gruppe von Künstlern als Refugium gewählt und in immer neuen Veduten und Details gemalt. Die Ergebnisse machten aus dem anonymen Dorf eine der Geburtsstätten der Moderne in der Malerei.

Dem ersten Sommer von Wassily Kandinsky und seiner Gefährtin Gabriele Münter, von Alexej Jawlewsky und Marianne von Werefkin in Murnau, im August 1908, ist eine Ausstellung im Schlossmuseum gewidmet. Alle vier hatten München als ihren zumindest zeitweiligen Lebensmittelpunkt, doch sie waren an den herrschenden Kunsttendenzen der Stadt nicht sonderlich interessiert. Vielmehr war ihr Wunsch, mit dem Malen als persönlichem Ausdruck Ernst zu machen. Sie beobachteten die neuen Tendenzen, vor allem jene in Frankreich. Die Wilden, die Fauves zeigten eine Richtung vor, die ihnen entsprach - und Cézanne: Von ihm konnte man lernen, dass Natur nicht unbedingt zu naturalistischer Abbildung anhält.

Murnau sollte zum idealen Experimentierfeld werden: so viel Natur - und so viele Möglichkeiten, sich ihr mit eigener Expression anzunähern; immer mehr Reduktion auf das, was dem Künstlerkleeblatt wichtig war: symbolhafte Farben, Flächigkeit statt Details, Intensität. Die Wirklichkeit sollte zum Leuchten gebracht werden; "klingende Landschaften", wie es Kandinsky nannte.

Schritt in die Abstraktion

Die Ausstellung stellt die individuellen Werdegänge der Künstler in den Zusammenhang ihrer Vorbilder und auch des Ortes: Valloton, Dufy, Braque sind zu sehen, ebenso zeitgenössische Fotos und Postkarten. Im Zentrum aber steht die dichte Sammlung von Arbeiten der vier. Wie sie sich gegenseitig beeinflussten, wo sie ihren Stil behielten, was sie dem bayrischen Sommer im Tag- und Nachtwerk abgewannen, das lässt sich in seiner Ausstrahlung erahnen: Es intensivierten sich damals auch die Berührungen mit Franz Marc, der ebenfalls in der Gegend logierte, und mit August Macke; Murnau gilt mithin auch als Geburtshelfer des "Blauen Reiters" . Kandinsky wiederum empfing die Impulse, die ihn den entscheidenden Schritt in die Abstraktion wagen ließen.

Der Erste Weltkrieg bedeutete das Ende der russisch-deutschen Künstlergruppe. Murnau, in den leuchtendsten Farben verewigt, verblasste als Erinnerung. 1957, fünf Jahre vor ihrem Tod, stiftete Münter den unermesslichen Bilderschatz aus jenen Tagen der Ortsgemeinde.

Der Besuch lohnt sehr, mit einer Einschränkung: An heißen Tagen werden die kleinen Räume zu Backstuben. (Michael Freund, DER STANDARD/Printausgabe, 20.08.2008)

  • Reduktion auf Farbe, Fläche, Intensität und Gefühl: Gabriele Münter,
"Blick aufs Murnauer Moos" , 1908.
    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn

    Reduktion auf Farbe, Fläche, Intensität und Gefühl: Gabriele Münter, "Blick aufs Murnauer Moos" , 1908.

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