"Gadgets wie das iPhone schränken Nutzer und Entwickler ein"

19. August 2008, 17:18
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Entwickler David Ayers im Interview über mobile und freie Software am Handy

Wie Linux, Mac und Windows am PC spaltet Software zunehmend auch am Handy die Lager. Für die einen ist Apples App Store eine Revolution für mobile Anwendungen, andere kritisieren die Unternehmens-Politik, nur autorisierte Anwendungen für das iPhone freizugeben. Auch Googles Android lässt die Wogen in der Mobilfunk- und Softwarebranche hochgehen. derStandard.at hat im E-Mail-Interview mit David Ayers, Mitglied und Entwickler der osAlliance, über das spannungsgeladene Thema gesprochen.

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derStandard.at: Apples und Googles Bemühungen am Handy-Markt lassen darauf schließen, dass mobile Software immer wichtiger wird. Wird es in Zukunft noch einen Unterschied zwischen Computer- und mobiler Software geben?

David Ayers: Subjektiv hängt das in erster Linie von Medien- und Marketing-Initiativen ab, denn objektiv gibt es jetzt schon kaum einen Unterschied. Es ist schon wahr, dass viele der "Gadgets" (oder "embeded Devices") um einige Ressourcen, und damit auch meist Funktionalitäten, ärmer sind, als man es im Allgemeinen von seinem universell einsetzbaren Computer erwartet. Andererseits scheinen die den technischen Voraussetzungen zwischen den sogenannten NetBooks und den Highend-Smartphones zu schwinden.

derStandard.at: Welche Rolle spielt dabei Open Source Software?

Ayers: Open Source Software (wobei ich lieber von Freier Software spreche) baut gerade seine Position in der mobilen Welt aus. Bei den derzeit verfügbaren Endgeräten ist das neben den Netbooks derzeit noch nicht viel beim Anwender sichtbar. Die Bildung von Initiativen wie der Open Handset Alliance um Google's Android Plattform und der LiMo Foundation führte jedoch dazu, dass Analysten der Freien Software schon 23 Prozent Marktanteil vorhersagten bevor Nokia angekündigt hat auch den derzeitigen Marktführer Symbian zumindest Teilweise unter einer Freien Software Lizenz zu stellen.

Diese Entwicklung steht noch am Anfang. Es liegen noch einige Schritte vor uns bis die Welt der subventionierten Mobiltelefone mit den Rechten Freier Software in Einklang gebracht wird. Letztendlich ist es aber nur eine Frage der Zeit bis neue Modelle gefunden werden, bei denen die Vorteile der Kollaborativen Entwicklung dem proprietären Modellen den Rang ablaufen.

derStandard.at: Welche Vorteile sind das?

Ayers: Geräte und Anwendungen sind heutzutage sehr komplex. Es bedarf vieler Softwarekomponenten um Lösungen zu erstellen, die einen Mehrwert bieten. Der Aufwand für all diese Komponenten einzeln Rechte von proprietären Anbietern zu sichern kann sehr erheblich werden. Auch das Umgehen von Fehlern in immer jüngeren proprietären Entwicklungsumgebungen kann viel Zeit kosten die immer wieder den Aufwand und somit die Kosten erhöhen. Freie Software Lösungen haben natürlich genauso Fehler. Diese können jedoch durch die meist kollaborativen Entwicklungsmodelle viel effizienter behoben werden.

derStandard.at: In Apples App Store werden ja nur autorisierte Anwendungen zugelassen …

Ayers: Für Entwickler sind solche Einschränkungen natürlich sehr hinderlich, insbesondere wenn man keinen Einblick in den Prozess hat, bei dem dann entschieden wird ob und wie eine Anwendung aufgenommen wird. Weiterhin hat man dadurch nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten auf bestehende Komponenten aufzubauen, womit der Aufwand künstlich steigt.

derStandard.at: Man kann das Handy aber auch für andere Software freischalten - also knacken.

Ayers: Als Anwender erwarte ich, dass ein Gerät, das ich kaufe auch mir gehört und ich souveräne darüber verfüge. Nicht nur im Bereich Software wird diese Souveränität schrittweise aberkannt. Konsumenten verzichten zunächst zumindest vertraglich beim Kauf von Gagdets auf diese Souveränität. Jedoch widersetzen sie sich dann den Einschränkungen und setzen sich somit der Kriminalisierung aus. Und das Knacken wird oft noch als besonders clever empfunden, obwohl vielen bewusst ist, dass ihre Aktivitäten dabei verfolgt werden können. Ich maße mir nicht an die Rechtslage wirklich einzuschätzen, aber ich habe für mich entschieden Produkte zu meiden, die mir diese Souveränität aberkennen wollen.

Wenn ein Anwender nur einem Unternehmen zutraut Anwendungen zu schrieben, die auf seinem Gerät laufen dürfen, dann sollte der Anwender nur Software von diesem Unternehmen installieren. Das ist eine souveräne Entscheidung des Anwenders die er immer wieder treffen kann. Diese und ähnliche Rechte dem Anwender schon beim Kauf abzuerkennen ist eine bedenkliche Entwicklung. Insbesondere da viele Anwender sich damit überhaupt nicht auseinander setzen und etwaige rechtlichen Konsequenzen in den Hintergrund treten.

derStandard.at: Sehen Sie auch Vorteile im Apple-Modell?

Ayers: Auf der anderen Seite muss man Apple zugestehen, dass sie einerseits durch die Kontrolle auch ein einheitliches und in sich ziemlich durchgängiges abgestimmtes Produkt geschaffen haben, das sie mit ihren Marketing-Ressourcen geschickt am Markt positioniert haben. In der Hinsicht sind sie wie schon oft zuvor Vorreiter und haben Pionierarbeit geleistet. Sie zwingen den Markt schnell auf Innovationen insbesondere auch im Bereich auf Geschäftmodelle zu reagieren, wie sie es im Musik Geschäft gemacht haben. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass die Gesellschaft die Freiheit vom Markt wieder zurückfordert so wie es mit dem gescheiterten Versuch vom digitalen Ristriktionsmangagement in der Musik Industrie geschieht.

derStandard.at: Internet und Handy verschmelzen zunehmend, welche Technologie steckt da dahinter?

Ayers: SIP ist zunächst das Tor zwischen Handy bzw. Smartphones und Voice over IP aber es wird dadurch implizit das Tor zu anderen Kommunikationswegen zum Internet und anderen Anwendungen und Medien. Wenn man am Handy angerufen wird, ist man auch über den Computer per SIP, insbesondere im Ausland kostengünstig erreichbar. Man kann seine Telefon- und zukünftig auch Faxnummer überall mit hinnehmen, sofern eine Breitbandverbindung besteht, vor allem in Gebäuden mit starken Wänden oder Gebieten mit schlechtem Empfang. Es gibt Möglichkeiten ad-hoc virtuelle Konferenzräume zu bilden. Auch neue Aufzeichnungsmöglichkeiten wichtiger Gespräche können in bestehende Software Dienste integriert werden.

derStandard.at: Und in Zukunft?

Ayers: Das richtige Potential sehe ich in der Integration mit unterschiedlichen dezentralen Diensten. Kontakt und Kalenderdaten sind dabei nur der Anfang. Bilder, Videos und Ton können zwar jetzt schon übertragen werden aber die Wege sind noch eher umständlich. Die Standardisierung dieser Integration wird durch solche Initiativen vorangetrieben. Dann wird mein Smartphone das Bedienelement zu meinem Web 2.0 Portal und meinen Firmen-Kalender wie dem gemeinsam verwalteten Vereinskalender. Es sollte auch nicht mehr lange dauern dann sollte ich auch meine Set-Top-Box mit dem Smartphone über das Internet zum Aufnehmen des Abendprogramms einstellen können, wenn ich mal wieder zu spät vom Büro komme.

derStandard.at: Ist das auf Handys beschränkt?

Ayers: Es würde mich wundern wenn nicht auch Camcorder WLAN/HSDPA Infrastruktur bekommen um über SIP-Technologie Inhalte in höheren Qualitäten als es derzeit im Smartphone Bereich möglich ist, zu realisieren. Gleichzeitig werden die Smartphones in der Qualität der Aufnahmen steigen und auch dort wird es eine Konvergenz geben.

SIP wird sich als Realtime-Übertragungsprotokoll weiterentwickeln. Durch offene Standards werden darüber hinaus weitere Dienste wie Verfügbarkeitsanzeigen, Videokonferenzen, Navigationsdaten bis hin zu Geodaten und von noch nicht erdachten Diensten integrierbar werden. Diese Integration auf der Basis von offenen Standards und Freier Software werden die Anwendungen enger zusammenrücken lassen und die künstliche Komplexität von proprietären Protokollen und Anwendungen für den Anwender eliminieren. (Birgit Riegler/ derStandard.at, 26. August 2008)

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    Software und Open Source wird auch in der mobilen Welt immer wichtiger

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