Mahlers Musik und die Rätsel der Welt

19. August 2008, 16:42
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Gemeinsam mit dem Orchestre de Paris und der Sopranistin Christine Schäfer gastiert Christoph Eschenbach am Sonntag beim Musikfestival Grafenegg - Interview

Standard: Auf Ihrer Website wird man mit Musik von Mahler begrüßt ...

Eschenbach: Ja, ich bin sehr mit seinem Werk verbunden und dirigiere alles von ihm.
Standard: Dass da genau jene Stelle aus der 1. Symphonie erklingt, wo sich die Musik von der Katastrophe löst - ist das ein Statement?

Eschenbach: Ja. Kunst ist dazu da, um zu kompensieren, auch Katastrophen, und den Menschen sozusagen in eine bessere Welt zu leiten. Speziell die nicht sprachgebundene Musik, die die Urempfindungen des Menschen anspricht und übersetzt.

Standard: International ist auch Ihre Tätigkeit. Ihre Homepage ist in drei asiatische Sprachen übersetzt.

Eschenbach: Asien wird immer wichtiger für die westliche Musik. Es gibt da einen Aufbruch in das Erkennen des Wertes der westlichen Welt. Die westliche Musik der letzten 500 Jahre ist ein Höhepunkt, die Asiaten haben in anderen Gebieten Höhepunkte erlebt; so ist die Identifikation mit der Musik der westlichen Welt für die Asiaten sehr wichtig.

Standard: Gibt es für Sie eine objektive Allgemeinverständlichkeit westlicher Musik?

Eschenbach: Ja, ich glaube schon, dass diese Musik Urgefühle anspricht, sei es Glück, Trauer oder Leidenschaft. Die japanische Hofmusik, die sehr alt ist, aber sehr hermetisch für uns, ist eigentlich nicht für ein breites Publikum da. Insofern kann man sich den Hunger vorstellen, den die Menschen haben, sich mit ihren Gefühlen und unserer Musik zu identifizieren.

Standard: Schwerer zugängliche Musik gibt es im Westen auch, etwa die Spätwerke Bachs oder Beethovens.

Eschenbach: Musik hat zwei Komponenten: dass sie einen auf der einen Seite unmittelbar anspricht und auf der anderen Seite sehr kompliziert gebaut ist. Auch ein spätes Beethoven-Quartett kann Sie direkt ansprechen. Aber wenn Sie es analysieren, sehen Sie, dass es unglaublich kompliziert ist. Das ist ja das Schöne. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto größer werden die Rätsel, die Rätsel der Welt.

Standard: Wo ist da Ihr interpretatorischer Zugang?

Eschenbach: Eine exakte Analyse der Stücke ist sehr wichtig. Wenn man sie auseinandernimmt und wieder zusammenbaut und sieht, was hinter den Noten steckt - erst dann kann man spontan sein, weil man frei ist. Aber die Spontaneität kann, wenn sie unreflektiert ist, etwas Chaotisches haben, was ich nicht liebe. Es gibt keine chaotische Kunst.

Standard: Aber solche, die das Chaotische reflektiert.

Eschenbach: Natürlich, Mahler setzt sich damit auseinander, es ist nicht umsonst, dass hinter ihm die Psychoanalyse gestanden ist.

Standard: Sie hatten ein sehr bewegtes Leben, nicht nur geografisch, sondern auch biografisch. Gab es da Auswirkungen auf Ihr künstlerisches Selbstverständnis?
Eschenbach: Sie sprechen vermutlich über die Kindheit, da kann man das Wort Chaos benutzen, voller furchtbarer Eindrücke. Die Musik war Ventil, Eindrücke zu kompensieren und sich zu öffnen. Für jeden Musiker ist die Musik ausschlaggebend im Leben; für mich war sie ein Mittel zum Leben.

Standard: Welche Rolle hatten Dirigenten, mit denen Sie zusammengearbeitet haben?

Eschenbach: Eine große. Von George Szell und Karajan, die wie Mentoren zu mir waren, habe ich viel gelernt, gerade in ihrer Gegensätzlichkeit. Szell war ein Analytiker, es ging um Phrasierung, rhythmische Diktion und Struktur. Karajan war ein Maler, sprach viel über Übergänge und Nuancen.

Standard: Sie waren für junge Musiker selbst Mentor - eine große Verantwortung.

Eschenbach: Das stimmt. Man muss genau fühlen, wie es um das Nervenkostüm bestellt ist. Denn man kann viel kaputt machen, wenn man jemanden in dieses schwere Reiseleben schickt. Aber ich habe gute Erfahrungen mit meinen Protegés.

Standard: Als Gegengewicht zum Nomadentum kann man es sehen, wenn man sich um ein Festival kümmert, wie Sie es in Schleswig-Holstein einige Zeit taten.

Eschenbach: Das Interessanteste war da die Bildung eines Jugendorchesters - eine wichtige Einrichtung, damit die Leute auch lernen, miteinander zu leben.

Standard: Auf der anderen Seite steht das Publikum, die Interaktion mit ihm. Was kann ein Festival hier leisten?

Eschenbach: Ich glaube, es ist gut, wenn das Publikum nicht unbedingt in Smoking und Abendkleid ins Konzert gehen muss. Dass Konzerte manchmal um sechs beginnen oder bis Mitternacht gehen, sodass das Ritual aufgehoben wird. Ich höre, dass das in Grafenegg auch so ist. Das ist sehr schön.

(Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 20.08.2008)

Zur Person:
Der Pianist und Dirigent Christoph Eschenbach, Jahrgang 1940, leitet seit 2000 das Orchestre de Paris.

  • "Die Musik ist für jeden Musiker ausschlaggebend im Leben; für
mich war sie ein Mittel zum Leben." Der Dirigent Christoph Eschenbach
sinniert über Katastrophen und ihre Bewältigung.
    foto: heribert corn

    "Die Musik ist für jeden Musiker ausschlaggebend im Leben; für mich war sie ein Mittel zum Leben." Der Dirigent Christoph Eschenbach sinniert über Katastrophen und ihre Bewältigung.

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